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Sieg der Poesie über die Barberei



Die Jüdin Selma Meerbaum-Eisinger verstarb im Alter von nur 18 Jahren in einem SS-Arbeitslager. Frisch verliebt und lebenshungrig verfasste die junge Lyrikerin 57 an ihren Freund gerichtete Gedichte. Kurz vor ihrer Deportation konnte sie die Texte heimlich einer Freundin übergeben; dadurch ist ihre eindrucksvolle Lyrik erhalten geblieben. Knapp 70 Jahre später faszinierten die subtilen Wortgefüge den Schweizer Musiker David Klein, der 12 ihrer Gedichte vertonte. Für das SHMF-Projekt „Selma – in Sehnsucht eingehüllt“ konnte er exklusiv Popkünstler wie Thomas D, Sarah Connor, Stefanie Kloß (Silbermond), Joy Denalane und Volkan Baydar (Orange Blue) gewinnen, die durch ihre Interpretation Selma Meerbaum-Eisinger ihre Stimme leihen. Begleitet werden die Musiker von Hannelore Elsner (Rezitation), den Streichern der Musikhochschule Lübeck und dem David Klein Sextett.
DER KULTURONKEL sprach mit dem Musiker und Initiator des Projektes.


Wie kommt ein Schweizer Musiker dazu, sich mit der dunklen Seite der deutschen Geschichte zu beschäftigen?

Als Jude beschäftige ich mich quasi seit meiner Geburt mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte. Von Selma Meerbaum-Eisinger habe ich vor zirka zehn Jahren erfahren, als ich die Schauspielerin Anne Bennent über ihren Gedichtband im Fernsehen habe sprechen hören. Der Titel „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ hat mich, als bekennenden Romantiker, sofort angesprochen. Ich war damals frisch verliebt in eine junge Frau, von der ich wusste, dass sie gern Lyrik liest. Daher habe ich das Buch gekauft und ihr ungelesen geschenkt. Erst später habe ich ihr gestanden, dass ich die Gedichte selbst gar nicht kenne. Am Telefon hat sie mir dann „Ich bin die Nacht“ vorgelesen. Da ist mir schlagartig klargeworden, dass das ein Songtext ist. Sofort habe ich angefangen, mich eingehend mit den Gedichten von Selma und ihrer Geschichte zu beschäftigen.

Was für ein Gefühl hatten Sie als Sie sich mit diesen Gedichten auseinandergesetzt haben?

Zuerst habe mich mir das einzige Foto, das von ihr erhalten ist, lange angesehen. Da steht sie 1940 mit ihrer Freundin beim Shopping in Czernowitz auf der Straße und lacht strahlend einem Leben entgegen, das eigentlich schon vorbei war. Da hätte ich vor Wut und Traurigkeit alles kleinschlagen können. Damals habe ich mir vorgenommen, dafür zu sorgen, dass mehr Menschen von Selma und ihrer Geschichte sowie dem Holocaust erfahren. Denn das ist immer noch ein Tabuthema.

Was war der Anstoß, zwölf der Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger zu vertonen?

Ich habe mir überlegt, was sind die besten und ausdrucksstärksten Stimmen der deutschsprachigen Musikszene? So bin ich auf die zwölf Künstler für das CD-Projekt gekommen wie Thomas D., Sarah Connor, Stefanie Kloß. Ich habe erkannt, was in ihren Stimmen für Potenzial steckt, egal ob einem die Musik, die sie sonst machen, gefällt oder nicht. Natürlich hat es einen ganz anderen Stellenwert für junge Leute, wenn sich ein Xavier Naidoo mit den Gedichten befasst, als wenn ein Lehrer sagt, lies mal diesen Bericht zum Holocaust. Mir war wichtig, dass die Jugend angesprochen wird, auch wenn Musik für alle Generationen und aus allen Stilrichtungen dabei ist.

Ist eine Annäherung an ein Opfer des Holocaust mit den Mitteln des Rap oder Schlagers angemessen?

Untersuchungen zeigen, dass junge Leute die Grausamkeiten des Holocaust intellektuell gar nicht verarbeiten können. Wenn man ihnen Bilder zeigt von Leichenbergen, die mit Baggern weggeräumt werden, verstehen und glauben die meisten gar nicht, was los ist. Der Intellekt und die Emotionalität kann diese Informationen nicht verarbeiten. Daher finde ich jede Möglichkeit gerechtfertigt, die man nutzt, um Jugendlichen den Holocaust auf persönliche Art und Weise nahezubringen.

Wie haben die Künstler auf Ihre Anfrage reagiert?

Ich glaube, dass Selma oder irgendeine andere Kraft eine schützende Hand über das Projekt gehalten hat. Ich bin ja ein Niemand aus Basel, der die bekanntesten Leute aus Deutschland angerufen hat, um sie zu fragen, ob sie Gedichte einer unbekannten Lyrikerin interpretieren wollen. Nachdem ich ihnen den Gedichtband zugeschickt hatte, haben eigentlich alle sofort zugesagt, weil sie erkannt haben, welche literarische Qualität in den Texten steckt.

Haben Sie vorgegeben, welcher Interpret welches Gedicht vertont?

Ich habe mich lange damit beschäftigt, wer welches Gedicht interpretieren könnte. Wir hatten beim Komponieren immer die Stimme der Sängerin oder des Sängers im Ohr, für die wir das Stück machen. Und es war fast so, als ob die Texte die Melodien selbst gefunden hätten. Erfreulicherweise waren dann alle mit ihrem Text total glücklich.

Wie verhindern Sie, dass die Botschaft des Abends durch allzu große Betroffenheit verloren geht?

Natürlich ist es eine Gratwanderung. Aber es wird sicher keine Betroffenheitsveranstaltung stattfinden. Die Botschaft ist vielmehr, das Leben und Werk von Selma zu feiern. Den Chefaufseher des Lagers, in dem sie gestorben ist, kennt heute niemand mehr. Aber die Gedichte von Selma haben überlebt und werden heute in zahlreiche Sprachen übersetzt. Es gibt Schulprojekte und Filme – nie haben sich mehr Menschen mit Selma beschäftigt. Das ist ein Sieg der Poesie über die Barberei. Das ist die Aussage dieses Abends.
Selma-In Sehnsucht eingehüllt
Location:
Laeizhalle Hamburg, Musik- und Kongreßhalle Lübeck, Kieler Schloss

Telefon: 0431-570 470

http://www.shmf.de
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