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Königin der Blockflöte



Als eine der weltweit Besten auf „ihrem“ Instrument müsste sie eigentlich einem größeren Personenkreis bekannt sein. Wie Hélène Grimaud oder Anne-Sofie Mutter. Doch da Dorothee Oberlingers Instrument die Blockflöte ist, ist das anders – nur einige Spezialisten für Neue und Alte Musik kennen ihren Namen. Das wird sich vermutlich bald ändern, denn die 39jährige aus Köln bekommt im Oktober den „Echo Klassik“ und wird damit zur „Künstlerin des Jahres“. Vorher gastiert sich noch beim SHMF am 8. August in Bordesholm und am 9. August in Meldorf. Andreas Guballa sprach mit der Künstlerin.

Frustiert es Sie, dass die Blockflöte nicht den gleichen Stellenwert hat wie andere Instrumente?

Da hat sich in den letzten Jahren glücklicherweise viel getan. Natürlich hat die Blockflöte nach wie vor durch ihren Einsatz als pädagogisches Instrument einen schlecht Ruf. Aber die Leute, die wissen, was es bedeutet, die Blockflöte als Konzertinstrument zu spielen, schätzen das. Dafür gibt es auch ein Publikum. Das ist sicher nicht so groß wie für das Klavier oder ein Streichquartett. Aber das stört mich nicht.

Was fasziniert Sie an der Blockflöte?

Es ist ein sehr direktes Instrument, bei dem kein Rohrblatt oder irgendetwas anderes zwischen dem Spieler und dem Instrument ist. Dadurch ist es sehr nah an der menschlichen Stimme. Alles, was man artikuliert und mit dem Atem oder der Zunge macht, überträgt sich sofort. Diese Sensibilität hat mich schon immer gereizt. Außerdem fasziniert mich, dass man so viele verschiedene Flöten spielen kann: ganz kleine, ganz große- jede hat ihren eigenen Charme und ihr eigenes Register.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie an dem Instrument hängengeblieben sind?

Wie jede andere auch habe ich Blockflöte als Kind gespielt. Ich habe mir das mit meiner Mutter zusammen beigebracht. Sie hatte aus einem Urlaub zwei Sopran-Blockflöte mitgebracht und mit einer ganz einfachen Flötenschule haben wir uns das Spielen beigebracht. Ich bin meiner Mutter dann schnell über den Kopf gewachsen und konnte gleich besser spielen als sie. Eine sehr gute Lehrerin hat mich dann bis zum Abitur so begeistert, dass ich es studieren wollte. Ich habe dann erst Schulmusik belegt mit Blockflöte als Hauptfach und bin dann dabei geblieben.

Seit drei Jahren bringen Sie als Professorin in Salzburg Ihren Studenten die Flötentöne bei. Müssen Sie dort auch so eine Art Selbstvertrauen gegenüber Musikerkollegen vermitteln?

Einem Studenten Selbstvertrauen zu vermitteln ist das Fundament einer guten Pädagogik. Man kann auf der Bühne nur überzeugen, wenn man sich aufgehoben fühlt und Vertrauen hat in das, was man tut. Natürlich trifft man manchmal auf blöde Sprüche – aber das kennen die Bratschisten oder andere Instrumentalisten genauso. Es gibt da sehr viele Stiefkinder.

Wieviele Instrumente besitzen Sie?

Ich habe nicht ganz genau gezählt, aber es könnten mittlerweile so zwischen 60 und 70 Flöten sein, die hier in meinem Regal stehen. Und die werden auch tatsächlich – je nach Projekt - alle gespielt.

Es gibt Künstler, die haben eine fast schon als erotisch zu bezeichnende Beziehung zu ihrem Instrument. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Für mich ist es eine Art Sprachrohr. Wäre ich Sänger oder Literat geworden, hätte ich mich so artikuliert. Durch die Flöte kann ich aber auch Dinge ohne Worte ausdrücken.

Zu den großen Pionieren der Blockflöte gehört Frans Brüggen. War er ein Vorbild für Sie? Was hat sich verändert seit er in den 1970er Jahren für Furore in der Szene sorgte?

Frans Brüggen ist natürlich ein Glücksfall: eine charismatische Figur und ein großer Musiker. Egal, was für ein Instrument er in die Hand genommen hätte. Durch den damaligen Aufschwung der Alten Musik hat er die Blockflöte stark nach vorne gebracht. Auch heute haben seine Aufnahmen noch Bestand neben neuen Einspielungen. Schon als Kind habe ich seine Platten gehört und hatte in meinem Jugendzimmer ein Poster von ihm über dem Bett hängen. Aber seitdem hat sich enorm viel getan. An fast jeder Hochschule gibt es heute einen Ausbildungsgang Blockflöte und das Niveau ist ungeheuer gestiegen. Das, was heute zur Aufnahmeprüfung gespielt wird, spielte man damals zur Abschlussprüfung. Das ist sehr erfreulich und ich hoffe, dass es noch lange so weiter geht.

Frans Brüggen war auch ein Verfechter der historischen Aufführungspraxis. Wichtig ist das Thema für Sie?

Man sagt heute ja: historisch informierte Aufführungspraxis, weil man als Mensch des 21. Jahrhunderts natürlich nicht 1:1 das wiedergeben kann, was damals erklungen ist. Man sollte sich schon damit beschäftigen, die Traktate und stilistischen Anweisungen lesen. Aber natürlich kommt der persönliche Geschmack dazu. Damals wie heute gibt es unterschiedliche Spielertypen.

Sie gelten herausragende Interpretin barocker Musik. Wie wichtig sind auch zeitgenössische Kompositionen in Ihrem Repertoire?

Während meines Studiums habe ich sehr viel Neue Musik gemacht. Ich war vier Jahre in Amsterdam und habe bei Walter van Hauwe studiert, der ein Pionier der Neuen Musik auf der Blockflöte war. Damals habe ich viele Uraufführungen gespielt, mit Komponisten zusammengearbeitet und sehr viel dabei gelernt, da die Neue Musik für das Instrument auch eine technische Herausforderung ist.

Sie erhalten im Oktober den „Echo Klassik 2008“ als Instrumentalistin des Jahres. Wie wichtig ist so ein Preis für Sie persönlich, aber auch für die Popularität Ihres Instruments ?

Ich habe mich natürlich sehr gefreut, als ich im Juni erfahren habe, dass ich diesen Preis bekommen; zumal ich damit überhaupt nicht gerechnet habe. Das steht erstmal im Vordergrund. Ich hoffe natürlich, dass es die Blockflöte etwas populärer macht.

Ist die Auszeichnung „Instrumentalistin des Jahres“ Bürde oder Ansporn?

Es ist ein absoluter Ansporn. Natürlich ist es auch eine Verpflichtung, nochmal Bilanz zu ziehen und sich Gedanken zu machen, wohin man will und was die zukünftigen Projekte sind. Das sollte man als Künstler aber sowieso bei jeder Entscheidung hinterfragen.

„Aufregend anders“ heisst das Programm mit dem Sie zum SHMF kommen.
Was ist an Antonio Vivaldi 'aufregend anders'? Was erwartet das Publikum?

Ich will jetzt nicht Strawinsky zitieren, nach dem Vivaldi ganz oft das gleiche Konzerte komponiert habe. Das Ensemble Sonatori de la Gioiosa Marca, mit dem ich seit langem intensiv zusammenarbeite, ist quasi 'Muttersprachler' und spielt die Musik, als ob es sie gerade erfindet. Es ist ein sehr improvisatorischer Ansatz: sie nehmen sich sehr viel Freiheit und spielen die Werke fast wie ein italienisches Volkslied. Das hat sehr viel Authentizität, denn es gibt ja auch alte Aufnahmen von Vivaldi, die fast wie eine Nähmaschine klingen. Unser Konzert ist extrem emotional, affektgeladen und sehr kontrastreich.



Aufregend anders
Location:
Meldorfer Dom

Telefon: 0431-570 470

Termin: Samstag, 09.08.2008

http://www.shmf.de
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