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Der Aristokrat auf der Violine


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„Pinchas Zukerman ist ein Aristokrat auf der Violine. Er reduziert die Musik auf ihre Essenz, da ist nichts Aufgeputztes oder Überflüssiges“, so die New York Sun. Seit fast vier Jahrzehnten hält sich der 1948 in Tel Aviv geborene Geiger, Bratscher, Dirigent und Pädagoge nun bereits an der Spitze des internationalen Klassikbetriebs. Sein Deutschland-Debüt 1969 ist legendär: Nathan Milstein sollte unter Rafael Kubelík ein Konzert im Münchner Herkulessaal geben. Milstein erkrankte, und der bis dahin gänzlich unbekannte, 21 Jahre alte Zukerman sprang ein. „Ein neuer Star ist geboren“, titelte damals die Süddeutsche Zeitung über das phänomenale Konzert. Der Rest ist Musikgeschichte. Bis dato umfasst seine Diskographie über 100 Aufnahmen, für die er 23 Grammy-Nominierungen und zwei Grammy Awards erhielt.

Neben seiner vielfältigen Konzerttätigkeit engagiert sich Zukerman seit vielen Jahren in der musikalischen Nachwuchsarbeit, die er als absolut bereichernd für sein eigenes Spiel empfindet. 2002 gründete er mit vier jungen Streichern die Zukerman ChamberPlayers – ein Ensemble, dessen Spiel auf der gelungenen Synthese aus Erfahrung und jugendlicher Dynamik beruht. Mit ihnen gastiert er im Rahmen des SHMF am Freitag im Meldorfer Dom und am Sonnabend in der Nikolaikirche in Plön. Auf dem Programm stehen Franz Schuberts Streichtrio B-Dur D 471, Ludwig van Beethovens Streichquintett C-Dur op. 29 und Antonín Dvoráks Streichquintett Es-Dur op. 97. Für beide Konzerte gibt es noch Restkarten unter 0431-570 470 und an der Abendkasse.

Andreas Guballa sprach mit dem Violinisten.

Herr Zukermann, Sie sind am 16. Juli 60 Jahre alt geworden, wollten Ihren Geburtstag aber nicht in der Öffentlichkeit feiern. Wie haben Sie den Tag letztendlich begangen?

Es hat sich ergeben, dass ich vier Tage lang eine Überraschungsparty nach der anderen gefeiert habe. Meine Frau hatte viele Freunde und die ganze Familie eingeladen. Ich mag nicht in der Öffentlichkeit feiern, da ich ein eher privater Mensch bin. Es gab zwar viele Anfragen nach einem Geburtstagskonzert, aber das wäre für mich unangebracht gewesen.

Ihr Vater war ein Klezmer Musiker. Wie groß war sein Einfluss auf Ihre spätere Berufswahl?

Ich war in meinem Elternhaus ständig von Musik umgeben. Mein Vater spielte Geige, Akkordeon und Saxofon und verdiente unseren Lebensunterhalt mit Klezmermusik auf Hochzeiten, Bar Mitzvahs und anderen Feierlichkeiten, auf die ich mitging. Er lehrte mich auch Noten zu lesen. Und mit sieben Jahren bekam ich meine erste Violine. Der Rest ist Geschichte.

Haben Sie je daran gedacht, einen anderen Beruf ausüben zu wollen?

Um ehrlich zu sein, habe ich während meines Studiums begonnen zu schauspielern. Aber wer weiß, wieweit ich damit gekommen wäre. Ich bin sehr froh, den Weg der Musik eingeschlagen zu haben, hatte wunderbare Lehrer und kann mich glücklich schätzen, in all den Jahren körperlich fit zu bleiben.

Was braucht ein Musiker, um über so eine lange Zeit erfolgreich zu sein?

Es ist eine Kombination von Dingen. Erstens braucht man eine gute Verortung. Ich hatte eine wundervolle Kindheit. Als ich nach 1948 in Israel aufgewachsen bin, war das ein Neuanfang nicht nur für die ganze Welt, sondern insbesondere für uns Juden. Meine Eltern waren Holocaust-Überlebende und versuchten, mir ein positives Lebensgefühl beizubringen. Meine Erziehung war großzügig und liberal. Ich hatte eine wunderbare Familie aus Onkel, Tanten und Cousins. All das vermittelte mir ein Wertesystem, das ich heute versuche weiterzugeben. Auf der anderen Seite braucht man die Bereitschaft, ständig offen zu sein für Neues und immer dazu lernen zu wollen. Ein erfolgreicher Musiker muss sein Leben der Kunst weihen. Wenn man das nicht tut, belügt man sich selbst.

Man erzählt sich, dass Sie während Ihres Studiums an der Juilliard School dagegen rebellierten, dass die Lehrer auf Disziplin bestanden. Was sagen Sie heute als Pädagoge dazu?

Wenn jemand als Teenager nicht aufbegehrt, ist etwas falsch gelaufen. In diesem Beruf braucht man Kopf, Herz und den Willen, etwas wirklich erreichen zu wollen. Das prägt den Charakter in diesem Alter. Zu rebellieren bedeutet ja, dass etwas raus muss und man für seine Werte einsteht.

Sie vertreten die Meinung, jeder Musiker hat einen eigenen, unverwechselbaren Klang wie eine DNA. Wie würden Sie Ihren DNA -Klangvbeschreiben?

Keine Ahnung, das überlasse ich anderen. Manche sagen, er sei dunkel, andere samten. Ich mache einfach nur Musik.

Sie beginnen das Unterrichtssemester regelmäßig mit einer Fragestunde. Die meistgestellte Frage dort lautet: 'Wie erzeugen Sie Ihren Klang?' Was antworten Sie Ihren Studenten?

Dafür braucht man jahrelanges Üben. Ich versuche in meinen Klassen zu vermitteln, wie man das Instrument beherrscht. Die Saite muss klingen! Wenn die Saite nicht klingt, kommt nichts dabei heraus. Die rechte Hand muss wie ein Mercedes funktionieren – zuverlässig in jeder Situation. Später kommt dann der Intellekt dazu. Natürlich kann man stundenlang über Musik diskutieren, über Interpretationen und darüber, was der Komponist ausdrücken wollte. Aber erst muss das Handwerkszeug beherrscht werden. Und der Motor ist die rechte Hand, ein sehr komplexes Körperteil. Ich nenne das immer das „Bankkonto“. Warum? Je besser man die Technik beherrscht desto mehr Engagements bekommt man und desto mehr Geld verdient man.

In den späten 1960er Jahren lernten Sie Daniel Barenboim, Zubin Mehta, Itzhak Perlman und Jacqueline du Pré kennen. Wie wichtig waren und sind diese Menschen für Sie?

Es war eine unglaubliche Zeit. Wir waren alle neugierig auf Musik und legten all' unsere Hoffnungen und Lebensfreude in sie. Als Folge des Krieges entstand durch die Wiederbelebung der Kunst eine neue Generation mit menschlichen Werten. Heute wundere ich mich nicht mehr, dass all' diese Talente damals geboren wurden.

Heute musizieren Sie mit einer neuen Generation von Freunden bei den Zukerman ChamberPlayers. Wie haben Sie sich gefunden?

Die Cellistin Amanda Forsyth ist meine Ehefrau, die ich Mitte der 1990er Jahre in Calgory kennengelernt habe. Jessica Linnebach und Jethro Marks sind Studenten von mir. Sie haben auch schon als Solisten mit dem National Arts Center Orchester gespielt, bei dem ich musikalischer Direktor bin. Ashan Pillai aus Sri Lanka kenne ich schon sehr lange. Er spielt und unterrichtet momentan in Barcelona. Also ein sehr buntes Ensemble, das sich ausgezeichnet versteht und gegenseitig respektiert.

Sie können heute auf eine reiche Karriere zurückblicken. Haben Sie noch Träume?

Natürlich. Wir müssen die klassische Musik zu Menschen bringen, die bisher davon nicht profitieren konnten. Insbesondere müssen wir versuchen, unsere Kinder dadurch zu aufrechten Erwachsenen zu erziehen. Ich arbeite hier in Kanada sehr intensiv daran. Aber auch in anderen Teilen der Welt ist dies notwendig. Und natürlich hoffe ich, dass ich noch lange auf der Bühne stehen kann. Solange meine Augen und Ohren gesund bleiben und meine Finger keine Athritis bekommen, mache ich weiter Musik.

Location:
Meldorfer Dom
Nikolaikirche Plön

Termin: Freitag, 01.08.2008

http://www.shmf.de
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