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Der Sound Berlins



Die musikalische Stärke der „17 Hippies“ liegt zweifellos im Zusammenspiel der Musiker, die seit über einem Jahrzehnt die endlos vielen Facetten und musikalischen Möglichkeiten ihrer akustischen Instrumente ausloten. Damit sind sie trotz anachronistischer Bandgröße zum Innovativsten geworden, was es derzeit in der Musiklandschaft gibt. Genre-Bezeichnungen wie Weltmusik reichen nicht aus, um zu definieren, welche Entwicklung die „17 Hippies“ in ihrem 14-jährigen Bestehen durchlaufen haben; denn hinter der Musik der „Hippies“ gäbe es kein Konzept , verrät der Bandgründer Christopher Blenkinsop im Interview mit dem KULTURONKEL.

Wie ist die Band 1995 entstanden?

Ich kam damals gerade aus Irland, wo ich Abende erlebt hatte, an denen Musiker aus allen Herren Ländern zusammengespielt und Melodien ihrer Heimat präsentiert haben Nur die Deutschen haben daneben gesessen und zugehört. Das hat mich genervt. Zurück in Berlin habe ich alle meine Freunde angerufen, die ein Instrument spielen konnten, mit der Bitte auch gleich ihr Lieblingslied mitzubringen. Daraus wollte ich ein buntgemischtes Repertoire schaffen, dass man bei vielen Gelegenheiten präsentieren konnte, ohne gleich eine Band gründen zu müssen. Eine Bedingung war außerdem, dass jeder ein Instrument spielen sollte, das er eigentlich nicht spielen kann. So entstand im Grunde unsere Musik, aus einer seltsamen Form von Behinderung und Zufall.

Auf jeden Fall haben die „17 Hippies“ einen einmaligen Sound. Wie würde Sie den beschreiben?

Da zitiere ich am besten einen amerikanischen Journalisten aus Louisiana, wo wir im letzten Jahr gespielt haben. Der hat gesagt: „Ihr klingt genau so wie ich mir den Sound Berlins vorstelle.“

Das bedeutet, Sie versuchen, den Rhythmus und Klang der Großstadt Berlin einzufangen?

Ich glaube, das versucht jeder Künstler. Denn jeder Ort färbt auf einen Künstler ab. Berlin ist natürlich insofern speziell, dass es nur dort Ost und West in einer Stadt gibt. Die 'Wessies' sind überwiegend mit angloamerikanischer Musik aufgewachsen; die Leute aus dem Osten haben Musik studiert. Das ist also eine ganz andere Herangehensweise. Und wenn ich heute von mir zuhause in unser Büro laufe, dann ist die Chance, dass ich einen polnischen Akkordeonisten neben Popmusik aus England und türkischer Musik aus einer Döner-Bude höre, sehr groß. Diese ganzen Stile, die im Stadtbild vorhanden sind, werden von uns ganz selbstverständlich gemischt. Daher kann ich mir auch nicht vorstellen, dass es uns in einer anderen Stadt geben könnte.

Ist der Name „17 Hippies“ in einer Bierlaune entstanden?

Wir sind weder "17" noch "Hippies" im klassischen Sinne. Der Name entstand spontan, als wir im Vorprogramm eines befreundeten Musikers aus England aufgetreten sind. Damals hatten wir gerade angefangen mit unserer exotischen Mischung aus polnischem Walzer, bulgarischen Oros, Schweizer Polkas, schottischen Sumpftiraden, nordamerikanischem Ragtime, texanischen Twosteps und italienischer Filmmusik. Mehr aus Jux ist mir der Name eingefallen. Später hat dann das Publikum angefangen, uns so zu nennen und dabei ist es dann geblieben.

Der Mauerfall vor 20 Jahren ist Anlass für den Länderschwerpunkt Deutschland. Wie haben Sie den 9. November 1989 erlebt?

Ich war in der Wohnung unserer Akkordeonistin Kiki in Schöneberg, als abends ihre Schwester anrief und uns erzählte, die Grenze wäre offen. Das wollten wir erst gar nicht glauben und haben den Fernseher angemacht, wo wir dann die heute historischen Szenen sahen. Ganz euphorisch sind Kiki und ich dann über die Invalidenstraße rüber in den Osten und haben uns zusammen mit einem betrunkenen Exilrussen aus Kanada und einem Mädchen aus Frankreich auf die Suche nach einer Bar gemacht. Weil aber alle in dieser Nacht in den Westen rübergemacht hatten, irrten wir durch das dunkle Ostberlin. Als wir dann morgens um fünf Uhr durch das Brandenburger Tor zurück in den Westen wollten, hatten sie die Grenze wieder geschlossen. Das war völlig absurd.

Wie hat sich seit der Grenzöffnung die Musikszene Berlin geändert?

Die Musikszene hat sich extrem geändert, da auf einmal unheimlich viele Musiker aus Osteuropa da waren, die sehr gut spielen konnte. Das handwerkliche Niveau ist also sprunghaft angestiegen. Auf der anderen Seite haben wir begonnen, uns auf einer intellektuellen Ebene mit uns selbst auseinanderzusetzen und über das Thema Identität zu diskutieren. Plötzlich merkte man, mit seinen hingestammelten englischen Texten zu Rockmusik kommt man genauso wenig weiter wie mit altbackenen ostdeutschen Liedern. Nicht umsonst entstand damals Techno als sprachlose Musik. Und es hat ziemlich lange gedauert bis sich die Auseinandersetzung damit durchgesetzt hat und die Leute gemerkt haben: ich habe eine Identität und die ist deutsch und nicht angloamerikanisch.

Die „17 Hippies“ bei einem Klassikfestival hat bei manchem Verwunderung ausgelöst. Was haben Sie gedacht, als die Dramaturgie anfragte, ob Sie in diesem Jahr dabei sein wollen?

Ich finde es toll und ein unglaubliches Kompliment für uns. Denn das SHMF geht mit der Zeit. Ehrlicherweise war es mir aber wichtiger, endlich die Chance zu haben, in Kiel aufzutreten, wo wir noch nie waren, als ehrfürchtig vor einem renommierten Klassikfest zu erstarren. Daher gehen wir ganz unbefangen an die Sache ran.
Im letzten Jahr sind wir im „Olympia“ aufgetreten, wo Edith Piaf, die Stones und Jacque Brel auf der Bühne standen. Und wir haben in der „Nitting Factory“ in New York gespielt, wo die Hälfte der Leute, die ich gigantisch finde, schon aufgetreten sind. Davor hatte ich mehr Respekt.



Haben Sie ein spezielles SHMF Programm zusammengestellt?

Wir haben kein festes Programm, sondern machen immer eine Mischung aus unserem aktuellen Album und Stücken, von denen wir das Gefühl haben, dass sie an diesem Abend funktionieren. Wir haben ein großes Repertoire, aus dem wir schöpfen können und uns ist es wichtig, den Abend gemeinsam mit dem Publikum zu gestalten.
The New Berlin Style
Location:
Halle 400
Kiel

Telefon: 0431-570 470

Termin: Freitag, 24.07.2009

http://www.shmf.de
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