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Solopiano der Sonderklasse



Der Pianist Vladyslav Sendecki ist neben Tomasz Stanko einer der wenigen Musiker, die eine lebendige Brücke zwischen der einstmals legendären polnischen Jazz-Szene der siebziger Jahre und dem zeitgenössischen Jazzgeschehen schlagen.
In Bands wie Extraball und Sun Ship präsentierte er sich Ende der Siebziger als wendiger Jazzrock-Pianist, der die Errungenschaften von Chick Corea und Keith Jarrett verspielt in einen genuin polnischen Kontext zu übersetzen verstand und machte dadurch auch international auf sich aufmerksam.
1981 emigrierte er in den damaligen Westen, fasste dank seiner spielerischen Beweglichkeit in Klaus Doldingers Passport Fuß und arbeitete unter anderem mit Billy Cobham, Michal Urbaniak, Charlie Mariano und Larry Coryell. In der NDR Big Band beweist er seit 1996, dass er auch eine Großformation zum Kochen bringen kann.
Am 15. November – eine Woche nach seinem Solokonzert auf dem JazzFest Berlin – tritt Sendecki auf Einladung von Jazzcoast.di in der Postelvilla in Heide auf mit seinem Chopin-beeinflussten Piano-Programm „Interpretations and Improvisations“. Für unsere Zeitung sprach Andreas Guballa mit dem Ausnahmepianisten.

Sie sind in Polen geboren, waren dort auch als Konzertpianist erfolgreich, aber haben dann den Jazz entdeckt und sind 1981 in die Schweiz ausgewandert. Was hat Sie damals zu diesem Schritt bewogen?

Das eine hat mit dem anderen eigentlich nichts zu tun. Ich habe zuhause in Polen viel Jazz gehört. Die Musik war damals in Krakau sehr präsent, obwohl sie von der Regierung nur geduldet war. Wir haben uns auf dem Schwarzmarkt für ein Monatsgehalt Schallplatten gekauft und sie untereinander getauscht. Allerdings waren uns die unterschiedlichen Facetten des Genres nicht bekannt. Für uns war alles, was nicht nach Chopin und Beethoven klang, eigentlich schon Jazz. Durch persönliche Lebensumstände – mein Vater verstarb sehr früh und ich musste als junger Bursche das Geld verdienen – und wegen zunehmender Repressionen durch den Staat – meine Familie wurde zweimal enteignet – bin ich mit Hilfe eine gefälschtes Passes in die Schweiz emigriert.

Dort haben Sie eine internationale Karriere begonnen. Welche Begegnungen sind Ihnen bis heute in Erinnerung geblieben?

Ich habe viele meiner damaligen Helden, die ich bis dahin nur von der Schallplatte kannte, persönlich getroffen, wie Jo Henderson, Michael Brecker und natürlich meinen damaligen Drummer-Gott Billy Cobham. Natürlich gab es auch Enttäuschungen. Naiv wie ich war, bin ich das Musizieren sehr idealistisch angegangen und nicht um Karriere zu machen. Aber viele Musikerkollegen haben nur aufs Geldverdienen geschaut. Das hat mich sehr enttäuscht.

Was bedeutet Musik für Sie und was möchten Sie mit Ihren Stücken beim Publikum erreichen?

Ich möchte meine persönliche Visitenkarte abgeben und meine Gedanken, Gefühle und Visionen mit dem Publikum genauso teilen wie mit anderen Musikern. Ich denke, Noten und Töne haben nur dann einen Sinn, wenn sie etwas Persönliches ausdrücken; also setze ich meine Gedanken in Klänge und szenischen Projekten um. Ich habe eine ganze Menge zu sagen.

Die New Yorker Szene-Zeitung „Village Voice“ hat Sie als einen „der fünf besten Jazzpianisten der Welt“ bezeichnet. Wie gehen Sie mit solchem Lob um?

(lacht) Naja, wer gehört nicht gern zu den Besten. Ich freue mich natürlich, wenn meine Musik den Menschen gefällt, aber Musizieren ist ja keine Olympiade und ich bin auch nur ein Mensch mit Tagen, an denen ich nicht in Topform bin.

Seit 1996 sind Sie Mitglied der NDR Bigband. Was zeichnet das Ensemble aus?

Einige meiner früheren, wunderbaren Kollegen und Freunde waren dort bereits Mitglied. Als ich Anfang der 90er Jahre für die Plattenfirma MCA tätig war, die in Hamburg ihren Hauptsitz hatte, wurde auch ich vom NDR gefragt. Das ergab viel Sinn für mich, wieder mit Gleichgesinnten zusammen zu arbeiten. Jeder der Kollegen ist eine Institution auf seinem Gebiet mit eigenen Projekten. Die NDR Bigband ist ein vollkommen autonomes Ensemble, eine organisierte Form solistischer Aktivitäten.

Sie veröffentlichen nicht viele eigene Projekte. Was gab den Ausschlag im letzten Sommer die CD „Piano“ zu produzieren?

Ich habe viele Jahre lang für andere geschrieben, komponiert und produziert; dabei konnte ich nie „Nein!“ sagen und mir fehlte die Kraft für ein eigenes Projekt. Reines Jazzpiano hat mich auch nie interessiert. Auf einen Tag zum anderen war dann aber die Zeit reif und ich habe gesagt: 'Jetzt muss ich spielen!' Mit dem englischen Label „Provocateur“ habe ich dann noch eine passende Plattenfirma gefunden, die auf meiner Wellenlänge lag.

Wie würden Sie die Kompositionen darauf charakterisieren?

Ich bezeichne die Musik gern als „dritten Weg“, auf dem ich zurück zu meinen Wurzeln gehe. Ich habe als Konzertpianist angefangen und bin wie jeder Mitteleuropäer mit der Klassik groß geworden. Der Jazz war damals eine Befreiung für mich. Neben meinen eigenen Kompositionen verarbeite ich auf der CD sowohl Klassiker wie auch Jazz-Standards und interpretiere die Stücke auf meine Art und Weise, mit meiner Handschrift.

Was können die Zuhörer am 15. November bei Ihrem Konzert in Heide erwarten?

Das Spannende ist, dass man nicht sagen kann, was das Publikum erwartet. Ich weiß vorher meistens auch nicht so genau, was passiert und lasse mich sehr vom Gefühl leiten – meinem Gefühl und den Schwingungen des Publikums. Man kann also dabei sein, wie in dem Moment aus dem Nichts etwas Neues entsteht.
Jazz Solo-Piano
Location:
Postelvilla
Markt
25746 Heide

Telefon: 04832-60 00 832

Termin: Samstag, 15.11.2008

http://www.jazzcoast-di.de
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