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Orchester der Stimmen


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Das 1978 gegründete Männervokalensemble „Chanticleer“ hat aufgrund seiner lebhaften Interpretation eines breitgefächerten Repertoires - von der Renaissance bis zum Jazz, von Gospelmusik bis zu ausgefallenen Werken zeitgenössischer Musik - ein beachtliches Renommee erlangt. Die klangliche Homogenität der zwölf Sänger (von Countertenor bis Bass) aus San Francisco hat sie auch international als „Orchester der Stimmen” bekannt gemacht. Im Rahmen ihrer Tournee zum 30jährigen Jubiläum kommt das Dutzend wohlklingender Männer am 14. und 15. August zum SHMF nach Bad Oldesloe und Meldorf.

Andreas Guballa sprach mit dem musikalischen Direktor des Ensembles, Matthew Oltman.

Wie ist das Ensemble entstanden?

1978 versammelte der Tenor Louis Botto in San Francisco eine Gruppe junger Sänger und erläuterte ihnen seine Idee: er wollte einen reinen Männerchor gründen, der professionell und auf höchstem Niveau performt. Botto hatte Musikgeschichte studiert, speziell Musik der Renaissance und davor. Damals gab es noch keine so ausgeprägte historische Aufführungspraxis wie heute. Aber er wollte diese Musik mit den Stimmen zum Klingen bringen, für die sie einst geschrieben wurden: Männer- und Jungenstimmen, Katastraten oder Falsettstimmen. Das steckte ursprünglich hinter der Idee.

Woher stammt der Name „Chanticleer“?

Der Name geht zurück auf einen stimmgewaltig und tagelang singenden [chant = singen, clear = klar, Anm. der Redaktion ] Hahn in Geoffrey Chaucers Erzählungen Canterbury Tales. Ein Mitglied des Ensembles las das Buch bei deren Gründung, schlug den Namen vor und alle fanden, er passe ausgezeichnet für zwölf singende Männer.

Damals war die Gruppe der erste Vollzeit-Klassikchor der USA. War sich Louis Botto über den Erfolg des Ensembles von Anfang an sicher?

Nein, anfangs war es reiner Spaß. Ich habe gerade mit einem Gründungsmitglied darüber gesprochen. Er erzählte mir, dass Louis selbst überrascht war über den Zuspruch. Louis war aber nicht nur ein guter Musiker, sondern auch ein cleverer Geschäftsmann. Er nahm jede Gelegenheit wahr, das Ensemble nach vorn zu bringen. Er organisierte einen Tourbus, um von Engagement zu Engagement fahren zu können. Er klärte, dass die Chormitglieder über einen längeren Zeitraum von ihrer Arbeit freigestellt wurden. Und er sorgte für die erste Plattenaufnahme. Nur deshalb wurde aus den zwölf Männern so schnell ein Vollzeitchor. Heute wäre das wahrscheinlich nicht mehr so einfach möglich.

Wie war die Ressonz des Publikums seinerzeit?

Viele waren geschockt, weil die meisten so etwas noch nie erlebt hatten: einen reinen Männerchor mit so hohen Stimmen. Selbst als ich vor zehn Jahren zum Ensemble gestoßen bin, waren Countertenöre noch etwas Ungewöhnliches. Das hat sich heute geändert.

Singen heute noch Gründungsmitglied im Chor?

Nein. In den letzten 30 Jahren gab es wahrscheinlich rund 90 Sänger, die jeweils eine Zeitlang mitgesungen haben. Aber nie hatte der Chor mehr als zwölf Mitglieder.

Wie sieht das Repertoire von Chanticleer heutzutage aus?

Wir singen längst nicht mehr ausschließlich Renaissance-Musik, auch wenn sie nach wie vor einen großen Anteil im Programm hat. Heute singen wir jede Art von A-Capella-Musik. Auch solche, die ursprünglich nicht als solche gedacht war. Außerdem gibt es viele Menschen, die extra Stücke für uns komponieren und Arrangeure, die Jazz und Gospel für zwölf Stimmen umschreiben. Unser Repertoire hat sich stark verbreitert von experimenteller Musik bis zur reinen Unterhaltung. Wir arbeiten hin und wieder aber auch mit Instrumentalisten zusammen. Gerade haben wir in Kalifornien ein Projekt beendet mit früher Musik der spanischen Missionskirchen. Auch hieran waren Instrumente beteiligt.

Chanticleer hat im Laufe der letzten 30 Jahre bereits auf vielen Bühnen in aller Welt gesungen: Konzertsäle, Kirchen, Schlösser, Walt Disney Concert Hall, New York Metropolitan Museum of Art. Was war Ihr persönliches Highlight? Und wo würden Sie gern noch auftreten?

Ehrlich gesagt gibt es soviele Höhepunkte. In den großen Konzerthallen und Kathedralen Europas zu singen, ist aber immer aufregend. Man bekommt dort wirklich ein Gefühl für die Musik, die wir singen, wenn man die Architektur und Kunst betrachtet, die zur selben Zeit entstanden ist. Aber auch auf einem Universitäts-Campus voller Studenten zu singen, ist sehr beeindruckend. Wir sind allerdings noch nie in Südamerika gewesen – das wäre ein Wunsch. Und es wäre fantastisch, im Nahen Osten aufzutreten. Wir haben schon viele Einladungen von dort bekommen, aber nie passten die weltpolitischen Umstände. Lediglich einmal haben wir ein Konzert in Israel gegeben.

Gibt es etwas, was Sie gern noch singen würden?

Es gibt noch viele Komponisten, von denen wir uns neue Werke wünschen. Es ist immer etwas besonderes, Stücke zu singen, die vorher noch niemand aufzuführt hat. Aber es gibt auch typisch amerikanische Musik, die wir bisher selten gesungen haben. Das ist der Barbershop-Gesang. Danach werden wir oft gefragt. Das Problem daran ist, dass sie für lediglich vier Stimmen geschrieben sind.

Die Gruppe ist bekannt für ihren harmonische Gesang. Geht es hinter den Kulissen auch immer so harmonisch zu wie auf der Bühne?

Das versuchen wir zumindest. Es geht bei uns zu wie bei einer Großfamilie mit elf Brüdern, die sich zwangsläufig auch nicht immer verstehen. Aber am Ende eines Tages muss man gemeinsam auf der Bühne stehen. Das geht nur, wenn man sich gegenseitig respektiert; sowohl als Musiker als auch als Individuum. Solange das funktioniert, kann man auch über kleine Unstimmigkeiten hinwegsehen.

Geschieht Ihre Programmauswahl auf demokratische Weise?

Unser künstlerischer Leiter, Joseph Jennings, stellt das Programm zusammen und bestimmt, welche Stücke wir singen. Er gehört dem Ensemble mittlerweile seit 25 Jahren an und hat maßgeblich zum typischen Klang von Chanticleer beigetragen. Für die tagtägliche Probenarbeit bin zwar ich verantwortlich, aber dort geht es sehr demokratisch zu. Ich verstehe mich eher als Mediator, der versucht Kompromisse zu finden, wenn Konflikte auftreten. Das ist insbesondere deswegen wichtig, weil es auf der Bühnen keinen Dirigenten gibt. Daher müssen alle das gleiche Verständnis von der Musik haben, die wir singen.

Chanticleer begeht in dieser Saison sein 30jähriges Jubiläum. Wie werden Sie es feiern?

Wir gehen auf große Tournee und haben ein Programm zusammengestellt mit den Lieblingsstücken des Publikums wie der Sänger aus den vergangenen drei Jahrzehnten. Wir haben auch einige Originalkompositionen im Gepäck. Im Frühjahr nächsten Jahres singen wir dann abschließend Auftragswerke von Komponisten, die in dem Jahr geboren sind, in dem Chanticleer gegründet wurde.
Location:
Meldorfer Dom

Telefon: 0431- 470 570

Termin: Freitag, 15.08.2008

http://www.shmf.de
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