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„Brahms hätte das gefallen“



Wenn das Schleswig-Holstein Musik Festival schon "Bewegend baltisch!" ruft, muss eine Musikerin selbstverständlich dabei sein: die lettische Geigerin Baiba Skride. Natürlich ist sie inzwischen in Hamburg zuhause, wo die 32jährige seit langem lebt und ihre Kinder zur Welt gekommen sind. Aber die Heimat bleibt immer Lettland, bleibt die Stadt, in der sie geboren wurde: Riga im Herzen des Baltikums. "Umziehen kann man immer, aber die Wurzeln bleiben", sagt die international gerühmte Geigerin, die heute (20. Juli) ihr viertes Festivalkonzert im Kuhstall in Pronstorf gibt. Andreas Guballa sprach mit der Lettin.

Frau Skride, das SHMF widmet seinen Länderschwerpunkt in diesem Jahr dem Baltikum. Wie wichtig ist es für Sie als gebürtige Lettin, der Ostsee eine Stimme zu geben?

Ich bin sehr stolz, dass ich als Vertreterin meines Landes in diesem Jahr dabei sein darf und unser Land im Fokus der Öffentlichkeit steht. Wir sind ein sehr patriotisches Volk und selbst, wenn ich seit vielen Jahren in Hamburg lebe, bleibe ich im Grunde meines Herzens Lettin.

Wie stark prägt Ihre lettische Heimat Ihr Spiel? Gibt es einen erkennbaren lettischen Klang?

Ich würde behaupten, dass lettische Musik immer etwas melancholisch ist. Unsere geschriebene Musik ist ja noch jung im Vergleich zum restlichen Europa. Bei uns hat es praktisch erst mit der Romantik angefangen. Damals schon war die Musik sehr ergreifend, sehr emotional und sehr melodisch. Es wurden viele Volkmusikthemen eingearbeitet. Und diese Volksmusik spielt immer noch eine große Rolle und wird in der komponierten Musik viel benutzt. Daran erkenne ich sofort lettische Musik.

Wie würden Sie die Mentalität der Letten beschreiben?

Bis vor kurzem habe ich immer gesagt, die Letten sind eher zurückhaltend. Aber ich war gerade vor zwei Wochen beim Sängerfest in Riga und habe bemerkt, wie tatkräftig und innovativ die Menschen sind und wie gern sie singen.

Sie sind in einer Musikerfamilie aufgewachsen und spielen Geige seit dem dritten Lebensjahr. War Ihr Leben dadurch vorbestimmt oder gab es auch andere Berufswünsche?

Ich stehe seit dem sechsten Lebensjahr auf der Bühne und habe mit meinen Schwestern damit sogar Geld für die Familie verdient. Wenn man mittendrin ist in diesem Konzertleben, denkt man gar nicht darüber nach, etwas anderes zu machen. Und ich hatte das Glück, bei dem, was ich machen wollte, wohl auch gut zu sein.

Warum kommen aus Lettland so viele gute Musiker?

Dafür gibt es viele Faktoren. Einmal glaube ich, dass der liebe Gott den Letten damit ein großes Geschenk gemacht hat. Dann sind durch das große Sängerfest, das alle fünf Jahre stattfindet, sehr viele Menschen in Chören engagiert. Auch Menschen, die sonst gar nicht viel mit Musik zu tun haben, gehen zwei Mal die Woche zum Chorsingen. Das ist eine ganz tiefsitzende Tradition. Dadurch ist es eine Selbstverständlichkeit Musik zu machen, die dadurch verstärkt wird, dass wir sehr viele Musikschulen haben. Die Menge an Kindern, die anfangen ein Instrument zu lernen, ist prozentual viel höher als in anderen Ländern. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass wir als Bewohner eines kleinen Landes immer noch meinen, uns beweisen zu müssen und immer zu den Besten gehören wollen.

An diesem Wochenende spielen Sie mit Ihren beiden Schwestern Lauma (Klavier) und Linda (Viola) beim SHMF unter dem Motto „Perfekte Symbiose“. Geht es hinter der Bühne auch immer so harmonisch zu wie auf der Bühne?

Natürlich streiten wir uns auch mal, sonst wäre das furchtbar langweilig. Aber eigentlich verstehen wir uns sehr gut und wissen nach so langer Zeit, Konflikte zu vermeiden. Nach einer halben Stunde ist sowieso alles wieder gut.

Sie machen seit 30 Jahren zusammen Musik mit Ihren Schwestern, standen im Alter von drei Jahren das erste Mal zusammen auf der Bühne. Ist das das perfekte Zusammenspiel?

Wahrscheinlich schon. Aber wir hatten auch Glück und sind sehr eng zusammen aufgewachsen. Wir haben seit frühester Kindheit soviel gemeinsam erlebt, dass es uns immer weiter zusammengeschweißt hat. Und dieses selbstverständliche Gefühl mit den Schwestern zu spielen, bleibt auch, wenn wir uns nicht mehr so häufig sehen wie früher.

Beim Konzert in Pronstorf stehen Werke von Peteris Vasks und Johannes Brahms auf dem Programm. Warum diese Zusammenstellung?

Passend zum Länderschwerpunkt wollte ich ein Werk aus meiner Heimat spielen. Es ist ein wahnsinnig schönes, wenn auch ernsthaftes Stück. Und mit Brahms wollten wir das Programm etwas auflockern. Sein Klavierkonzert ist eines der schönsten, das für diese Besetzung geschrieben worden ist. Brahms gehört sowieso zu meinen Lieblingskomponisten.

Es gibt ja selten die Gelegenheit mit einem Komponisten über seine Werke zu sprechen. Peteris Vasks kann man ganz einfach in der Rigaer Fussgängerzone treffen. Worüber sprechen Sie?

Wenn er es einrichten kann, kommt er zu meinen Konzerte. Er ist eine so liebe, warmherzige und intelligente Persönlichkeit und versucht an Stellen zu helfen, wo man etwas unsicher ist. Er weiss genau, was er mit seinen Kompositionen ausdrücken möchte, zwingt dich aber zu nichts. Daher ist es wahnsinnig spannend mit ihm zu arbeiten.

Sie spielen in Pronstorf im Kuhstall. Das muss ein ungewohnter Rahmen für Sie sein, immerhin haben Sie schon auf allen wichtigen Bühnen der Welt mit großen Orchestern gespielt.

Es wäre schrecklich, wenn wir niemals in solchen Orten spielen würde, sondern nur in großen Sälen. Da ginge viel verloren. Das ist zwar wahnsinnig toll, aber es fehlt die Intimität. Kammermusik wurde früher ja auch hauptsächlich in den Salons aufgeführt. Durch die Nähe zum Publikum wird ja auch ungeheure Energie frei, die uns Künstler beflügelt. Ich finde es toll, dass das SHMF auch solche außergewöhnliche Orte bietet. Brahms hätte das sicher gefallen.

Gerade ist Ihre aktuelle CD mit Werken von Robert Schumann erschienen. Unter anderem das selten gespielte Violinkonzert. Warum finden Sie den Komponisten so wichtig, dass Sie sich für dieses Projekt entschieden haben?

Das war eine Herzensangelegenheit von mir. Das Violinkonzert ist ein geniales, aber leider vom Publikum unterbewertetes Werk. Es ist sehr kompliziert und hat undankbare Passage. Man arbeitet wie wahnsinnig und keiner merkt es, weil es gar nicht so virtuos klingt.
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