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Primadonna Assoluta der Klarinette



Es gibt nur wenige Künstler wie Sabine Meyer, die mit einem Blasinstrument eine internationale Karriere gemacht haben. Die heute 50jährige hat die Klarinette als Soloinstrument ins Rampenlicht der Klassik zurückgeholt. Das Solo-Repertoire ist nicht so reich wie das für die Geige oder für das Klavier. Um so spannender ist es zu verfolgen, wie Sabine Meyer zwischen den großen japanischen Konzertsälen und den kleinen Schlosstheatern, der norddeutschen Küste und den Schweizer Bergen ihr Künstlerleben gestaltet. DER KULTURONKEL sprach mit der „Primadonna Assoluta der Klarinette“.

Die Klarinette hat in Ihrer Familie eine lange Tradition: schon Ihr Großvater spielte das Instrument in der Crailsheimer Postkapelle, Ihr Vater war Mitglied einer der ersten deutschen Bigbands und Ihr fünf Jahre älterer Bruder Wolfgang Meyer ist ebenfalls ein renommierter Klarinettist. Auch Ihr Sohn Simon hat sich für das Instrument entschieden. Gibt es so etwas wie ein Klarinettengen?

(lacht) Vielleicht. Wir haben aber alle mit dem Klavier spielen begonnen, ich habe später parallel noch Geige gespielt, mein Bruder Orgel. Danach hat sich aber herauskristallisiert, dass wir auf der Klarinette am begabtesten sind. So sind wir alle bei der Klarinette geblieben. Aber mein Sohn spielt jetzt nur noch Keyboard und macht Rock.

Es gibt Menschen, die vertreten die Meinung, jeder Musiker hat einen eigenen, unverwechselbaren Klang wie eine DNA. Wie würden Sie Ihren Klang beschreiben?

Natürlich hat jeder seine individuelle Klangvorstellung und man versucht, sehr vom Gesanglichen auszugehen. Es gibt eine innere Stimme, die jeder hat, um auf seinem Instrument zu singen und einen besonderen Klang zu kreieren.

Haben Sie Ihren Mann Reiner Wehler beim Klarinette-Spielen kennengelernt?

Ja, wir haben uns während des Studiums in Hannover bei Hans Deinzer kennengelernt. Seitdem sind wir zusammen.

Zusammen mit ihm und Ihrem Bruder Wolfgang haben Sie bereits 1983 das „Trio Di Clarone“ gegründet. Clarone ist die italienische Bezeichnung für das Bassetthorn, ein Schwesterinstrument der Klarinette. Das Spiel darauf haben Sie neu kultiviert...

Die Bassetthörner haben einen wunderbaren, sehr speziellen und intimen Klang. Man sagt, es war Mozarts Lieblingsinstrument. Daher hatten wir die Idee mit dem Trio seine Divertimentis und Harmoniemusiken wieder zum Leben zu erwecken. Daraus haben wir ein Programm entwickelt mit moderner Musik auf der Klarinette und Mozartkompositionen für drei Bassetthörner. Mit diesen Stücken hatten wir sehr schnell großen Erfolg.

Ihr Interesse gilt aber auch anderen in Vergessenheit geratenen Klarinettenkonzerten. Sind Sie eine Entdeckerin und Forscherin?

Nein, das wäre zuviel gesagt. Diese Stücke werden nur nicht so oft aufgeführt. Aber es gibt immer wieder Veranstalter, die anfragen, ob ich neben Mozart und Weber nicht auch ein neueres Werk spielen kann. Manfred Trojahn und Toshio Hosokawa haben beispielsweise wunderbare Stücke für mich geschrieben. Man muss ein Publikum auch herausfordern und wir haben nie schlechte Erfahrungen gemacht mit neuer Musik. Fast hören die Besucher bei solch\' einem Konzert viel aufmerksamer zu als bei einem Mozart, den sie ohnehin schon kennen. Das ist sehr spannend zu beobachten.

Sie sind auf allen Podien der Welt unterwegs. Was braucht ein Musiker, um über so eine lange Zeit erfolgreich zu sein?

Da gibt es kein Rezept. Aber man braucht Disziplin und Kontinuität. Man darf sich nicht überfordern, sondern einen goldenen Mittelweg zwischen Kammermusik, Solo-Konzerten und Recitals finden, auf dem man sich mit guten Programmen bewegt. Mir hat auch der gute Kontakt zu meiner Agentur geholfen, mit der ich über viele Jahre vertrauensvoll zusammen arbeite.

Daneben sind Sie eine leidenschaftliche Pädagogin. Seit 1993 unterrichten Sie als Professorin an der Musikhochschule Lübeck. Was vermitteln Sie dem Nachwuchs?

Viele Studenten, die mit der Vorstellung kommen, ganz schnell Solist zu werden, muss man erstmal zurecht stutzen. Als erstes muss man lernen, das Instrument zu beherrschen. Was danach kommt – ob man Wettbewerbe macht, Konzert gibt oder kammermusikalische Formationen bilden – ist bei jedem individuell und anders. Da gehört jede Menge Können dazu, aber auch ein bisschen Glück. Wir versuchen die Studierenden grundlegend gut auszubilden.

Ein bisschen Marketing gehört sicher auch zum Geschäft. Was halten Sie davon, dass die Musikindustrie in den letzten Jahren immer stärker versucht über das Image eines Künstlers mehr Aufmerksamkeit zu erregen als über musikalische Qualität?

Vermarktung ist natürlich sehr wichtig. Wir waren damals die ersten, die die Bedeutung guter Coverfotos erkannt haben. Da haben wir viel von der Popszene gelernt. Aber von diesen seichten Geschichten oder Best of-Zusammenstellungen halte ich wenig. Das muss schon noch seriös sein. Gerade bei jungen Kollegen kann ich nur hoffen, dass diese gute Berater haben und auch gute Konzertveranstalter, um nicht verheizt zu werden. Aber die jungen Musiker sind heute viel flexibler als wir seinerzeit und vermarkten sich über Internet und Homepages selbst.

Sie haben bereits sechsmal den begehrten \"ECHO-Preis\" der Deutschen Phonoakademie erhalten, darunter allein viermal als \"Instrumentalistin des Jahres\". Wie wichtig sind solche Auszeichnungen für Sie?

Preise sind immer etwas besonderes und jeder hat seinen Stellenwert. Ich bin dankbar dafür, dass die Anstrengungen für ein Projekt dadurch belohnt werden. Ich war aber nie ein Wettbewerbtyp.

Sie werden gern als „Königin der Klarinette“ bezeichnet. Dem „King of Swing“, Benny Goodmann, haben Sie zusammen mit ihrem Bruder ein Programm gewidmet, das beim SHMF zu hören sein wird. Was fasziniert Sie an dieser Musiklegende?

Er war eine fantastische Persönlichkeit, ein großartiger Mensch und ein unglaublicher Musiker. Ich habe ihn in New York einmal persönlich kennengelernt – das werde ich nie vergessen. Die „Homage an Benny Goodmann“ geht auch ein bisschen zurück auf unseren Vater, der sehr viel Jazz gemacht hat und sich immer wünschte, dass seine Kinder lernen zu improvisieren. Goodmann hat aber auch viel für die klassische Musik getan: Bartók-Kontraste, das Copland-Konzert, das er in Auftrag gegeben hat, und das Klarinettenkonzert von Malcolm Arnold. Die beiden letztgenannten sind auch Bestandteil der Konzerte in Flensburg und Lübeck. Nach der Pause geht es mit der NDR Bigband weiter. Auf dem Programm stehen dann Strawinsky, Bernstein und ein paar Highlights von Goodmann.

Vorher sind Sie im Trio mit dem Programm „Inspirierte Romantik“ in Großenaspe zu erleben. Was darf das Publikum dort erwarten?

Dort spiele ich zusammen mit meinem Neffen Mischa Meyer, einem großartigen Cellisten, und dem Nachwuchs-Pianisten Caspar Frantz ein Programm mit Werken von Robert Schumann, Alban Berg und Carl Frühling, das ich auch zum ersten Mal spiele. Und am Schluss das große Brahms-Trio. Ich glaube, das wird sehr schön.

Sie haben mit fünf Jahren begonnen, Geige und Klavier
zu spielen, mit acht kam dann die Klarinette hinzu. Haben Sie jemals darüber nachgedacht, durch diese frühe Konzentration auf
die Musik etwas in Ihrer Kindheit versäumt zu haben oder gab es einen anderen Berufswunsch als Profi-Musikerin?

Ich danke heute noch meinen Eltern, dass sie nie Druck auf uns ausgeübt haben. Daher hatte ich niemals das Gefühl, etwas versäumt zu haben. Ich war damals einmal in der Disco, das hat mir gereicht. Es gehörte einfach dazu. Man hat nach der Schule Klavier, Geige und Klarinette geübt, aber immer ohne Stress. Heute bin ich sehr froh, dass ich meine Studenten am Klavier begleiten kann oder beim Zusammenspiel mit einem Streicherensemble mitreden kann.

Sie sind im März 50 Jahre alt geworden. Ist Alter ein Thema für Sie?

Man setzt sich natürlich damit auseinander, aber ich fühle mich noch sehr jung. Ich habe das Gefühl, ich kann heute mit meinen Möglichkeiten viel mehr ausdrücken, entspannter auf die Bühne gehen und mit dem Instrument noch freier umgehen. Momentan ist das Alter kein Hindernis. Ich habe noch viele Programme und Projekte im Kopf, die ich gern verwirklichen möchte. Das ist unheimlich schön.
Inspirierte Klassik
Location:
Hof Bissenbrook
Großenaspe

Telefon: 0431- 570 470

Termin: Montag, 17.08.2009

http://www.shmf.de
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