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Die Meisterin der Saiten



Mit Beharrlichkeit und Optimismus hat Hille Perl ihr Ziel erreicht und schätzt sich heute glücklich, Musikerin geworden zu sein. Neben ihren Konzertreisen lehrt die 45-Jährige als Professorin an der Hochschule für Künste in Bremen. Bereits im Alter von fünf Jahren erlernte Perl ihr Instrument, die Viola da Gamba, ein sechssaitiges Streichinstrument aus der Zeit der Renaissance und des Frühbarock, das heute einen Exotenstatus genießt. In der kommenden Woche ist sie im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) in Rellingen und Marne zu erleben. Der Kulturonkel sprach mit der europaweit gefragten Solistin, die, wenn sie nicht auf Reisen ist, in einem Bauernhaus in der Wildeshauser Geest bei Bremen zusammen mit ihrer Familie und einigen Hühnern, Pferden und Katzen lebt.


Frau Perl, Klavier oder Geige zu spielen, ist nichts Besonderes. Wie kommt man mit fünf Jahren dazu, sich für die Gamba zu interessieren?

Die Geschichte ist eigentlich relativ einfach. Mein Vater war Kirchenmusiker und interessierte sich zudem für Alte Musik. Wir hatten zuhause auch ein Cembalo, auf dem viel musiziert wurde. Da meine Geschwister schon Klavier, Geige und Flöte spielten, bekam ich nach einem Konzert von Wieland Kuijken Gambenunterricht.


Ab wann wussten Sie, dass sie mit Ihrem Instrument Ihren Lebensunterhalt bestreiten möchten?

Als Kind stellt man sich natürlich alles mögliche vor. Aber mit 15 Jahren war eigentlich klar, dass ich auf jeden Fall Musikerin werden wollte.

Empfinden Sie Ihren Beruf heute als Traumjob?

Es ist ein großes Privileg und Glück, Musik machen zu dürfen. Auch wenn es relativ schwierig ist, weil man viel arbeiten muss. Aber es ist schon mein Traumberuf. Besonders, wenn man mit einem Musiker zusammenleben darf, der die Schwierigkeiten dieses Musikerlebens teilt und versteht. Ein weiteres großes Glück ist, dass sich auch unsere Tochter entschieden hat, Musikerin zu werden. Das zeigt, dass wir ein Leben führen, das nicht abschreckt.

Die Viola da Gamba wird verkürzt gern „Kniegeige“ genannt. Erklären Sie uns bitte den Unterschied zur herkömmlichen Geigen.

Viola da Gamba bedeutet „Die Viola des Beines“ im Unterschied zur Viola da braccio („Armgeige“). Zur Gambenfamilie gehören Instrumente mit sechs oder sieben Saiten und Bünden. Sie ähneln damit eher der Gitarre oder Laute. Die 'da braccio'-Instrumente wie Geige, Cello oder Bratsche haben nur vier Saiten und wurden in der älteren Musik eher der Volksmusik zugeordnet, während die Gambeninstrumente schon im 16./17. Jahrhundert eindeutig zur Kunstmusik gehörten.

Sie pflegen hauptsächlich das Repertoire des 17. und 18. Jahrhunderts. Wird Ihnen das nicht zu eng?

(lacht) Würden Sie diese Frage auch einem Geiger stellen? Wenn man moderne Geige spielt, verfügt man nur über knapp 150 Jahre von Repertoire. Für die Gambe gibt es einen erheblich größeren Werkumfang. Selbst wenn ich mich auf das 16. bis 18. Jahrhundert beschränken würde, gibt es so unglaublich viel Literatur, dass man es in einem Leben nicht schafft. Darüber hinaus ist die Gambe ein so vielseitiges Instrument, mit dem man auch moderne Musik und Jazz darauf spielen kann. Und natürlich ist es ein tolles Consortinstrument. Das wird einem auf jeden Fall nicht langweilig.

Sting hat vor einigen Jahren mit der CD „Songs from the Labyrinth“ auch einer größeren Hörerschaft die Musik von John Dowland nahegebracht, dem berühmtesten Lautenisten des ausgehenden 16. Jahrhunderts. Wie erklären Sie sich das steigende Interesse von anderen Musikern und des Publikums an der Musik aus Renaissance, Barock und Frühklassik?

Natürlich war das ein lobenswertes Projekt von Sting; aber ehrlich gesagt, verpasst er auch viel von der Essenz dieser Musik, weil er sich nicht wie wir ein Leben lang damit beschäftigt hat. Das ist in etwa so, als wenn ich eine CD mit Songs von Neil Young veröffentlichen würde, die ich gerne höre und spiele. Unsere eigene Dowland-CD „In Darkness Let Me Dwell“ hatte dagegen eine etwas bescheidenere, dafür wissenschaftlich fundiertere und künstlerisch andere Herangehensweise an diese Musik. Ein kleiner Triumph, den wir damit verbuchen konnten, war die Kritik in der „Zeit“: 'Vergesst Sting!'
Um auf Ihre Frage zurückzukommen, warum das Publikum wächst. Ich glaube, die Musikwelt des 17. Jahrhunderts hatte eine Klangsprache zur Verfügung, die nicht verbaut war durch den Blick auf die Musiktraditonen des 19. Jahrhunderts, die sehr viel platt gemacht hat. Da gab es einen vermeindlichen Fortschrittsglauben, bei dem man dachte, alles wird besser – auch bei der Instrumentenbauweise. Wenn man beispielsweise das Klavier nimmt, das optimiert werden sollte. Herausgekommen ist im 20. Jahrhundert zum Beispiel eine Steinway-Flügel mit vielen Qualitäten, die ein Cembalo oder ein Hammerklavier nicht hatte, aber auch viele Farben verloren hat. Ich glaube, dass die Musik des 17.und 18. Jahrhunderts uns daher direkter anspricht, weil sie langsamer und ursprünglicher gewachsen ist.


Bleiben wir noch beim Interesse an der Musik und dem Instrument. In einem Interview des Programmheftes zum Festival "Zeitfenster" haben Sie gesagt, dass Gambisten, anders als etwa Cellisten, schon von ihrer Ausbildung her alles andere sind, als Musiker mit einem festen Arbeitsplatz im Blick. Wie kommt das bei Ihren Studenten in Bremen an, wo Sie seit 2002 als Professorin an der Hochschule für Künste unterrichten?

Das mit dem Arbeitsplatz bezieht sich mehr auf regelmäßiges Einkommen. Was das Berufsbild eines freien Musikes angeht, sind wir da eher in einer Vorreiterrolle. Schon als ich anfing, Gambe zu studieren, war klar, dass man hart arbeiten muss, aber eigenverantwortlich. Den Studenten, die ich ausbilde, zeige ich auch, wie man das macht. Das ist eine Kombination aus verschiedenen Tätigkeiten wie Privatunterricht oder Minijobs an der Musikschule, um die Miete abzudecken. Die andere Seite ist die Entwicklung eigener Projekte und das Zusammenspiel im eigenen Ensemble. Dazu kommt noch die eigentliche „Muckerei“, das heisst man mietet sich aus an Dirigenten oder Projekte zur Passionszeit oder für CD-Aufnahmen zu Weihnachten, wo Gambisten spezifisch gebraucht werden. Meine Absolventen kommen daher erheblich besser zurecht als die Studenten mit Blick auf einen tradierten Job als Orchestermusiker.

Der ganze Zauber des Instrumentes entfaltet sich am besten im Zusammenspiel mit anderen, haben Sie vorhin gesagt. Insbesondere, wenn man mit einem Orchester wie dem Ensemble Arte dei Suonatori zusammenarbeitet, das auf historischen Instrumenten spielt und mit dem Sie beim SHMF nach Rellingen und Marne kommen. Worauf darf das Publikum sich beim „Concerto Colon“ freuen?

Die Musiker sind eine absolut hervorragende Truppe und die Vorreiter der polnischen Alte Musik-Szene. Sie bringen sehr viel Erfahrung mit und haben mit derselben Kernbesetzung freischaffend einen großen Ruf erworben, schon zu Zeiten, als das in Polen nicht so einfach war. Sie sind in etwa mit dem „Freiburger Barockorchester“ zu vergleichen und ich freue mich sehr, mit diesem fantastischen Streicherensemble wieder konzertieren zu dürfen.
Auf dem Programm stehen zwei Werke von Georg Philipp Telemann: sein „Concerto polon“ und ein Gamben-Konzert, das in Form einer Ouvertüren-Suite zu hören ist. Daneben haben wir Werke von Zeitgenossen von Johann Friedrich Fasch und Sigismundo Weiß, beides Werke für Barocklaute mit Streicherbegleitung. Außerdem ein etwas später anzusiedelndes Gambenkonzert der Berliner Schule von Johann Gottlieb Graun. Obwohl die Werke örtlich und zeitlich nah beieinander liegen, gibt es doch erhebliche stilistische Unterschiede und das Programm wird recht farbig anzuhören sein. Ich glaube, es ist uns eine schöne Zusammenstellung gelungen.
Concerto Colon
Location:
Maria-Magdalena-Kirche
Marne

Termin: Donnerstag, 22.07.2010

http://www.shmf.de
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