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Neues Image fürs Akkordeon - Interview mit Martynas Levickis



Das Akkordeon wird hierzulande häufig mit volkstümlicher Musik assoziiert. Das ist auch keineswegs von der Hand zu weisen, greift aber viel zu kurz, wie Martynas Levickis derzeit unter Beweis stellt. Der 23jährige Litauer hat sich ganz bewusst Klassik, Pop und Folk gleichermaßen verschrieben. Von seinem virtuosen Spiel und seiner unverbraucht-sympathischen Ausstrahlungskraft überzeugt, nahm das Traditionslabel Decca Classics den jungen Künstler unter Vertrag und brachte im letzten Jahr das selbstbetitelte Crossover-Projekt „Martynas“ heraus, mit dem er auch zum SHMF kommt. Der Kulturonkel hat mit ihm gesprochen.

Welchen Stellenwert hat das Akkordeon in Ihrem Heimatland Litauen?

Ich glaube das Akkordeon hat in Litauen das gleiche Image wie in Deutschland. Es wird viel für Hochzeiten und volkstümliche Musik genutzt. Wenn man sich die Entstehungsgeschichte anschaut, ist das auch kein Wunder. Es wurde Anfang des 19. Jahrhunderts in Wien als kleines Begleitinstrument für Lieder und Tänze entwickelt und unternahm von dort aus seinen Siegeszug in ganz Europa. Ich sehe meine Aufgabe darin, dieses Image zu verändern und es auf die große Klassik-Bühne zu bringen, um zu zeigen, dass man dieses Instrument ausgesprochen vielseitig einsetzen kann.

Wann haben Sie angefangen, Akkordeon zu spielen?

Meine erste Begegnung mit der Musik hatte ich mit drei Jahren. Da habe ich einen Klavierabend im Fernsehen gesehen und angefangen, mit den Fingern auf den Tisch zu klopfen. Da meine Familie sich kein Klavier leisten konnte, hat mir mein Patenonkel stattdessen ein Akkordeon geschenkt. So hat alle angefangen und ich habe bis heute nicht aufgehört.

Und wann war klar, dass Sie mit der Musik Ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen?

Es gab keinen konkreten Punkt, an dem ich gesagt habe: jetzt mache ich professionell Musik. Ich habe mit acht Jahren angefangen, Unterricht zu nehmen und haben zugegebenermaßen mit der Theorie und den Noten gekämpft. Ich habe das Akkordeon auf meine Weise schon sehr gut gespielt und wollte nicht einsehen, dass mir jetzt jemand beibringen wollte, wie man das Instrument 'richtig' spielt. Mit 12 Jahren haben ich dann angefangen, erfolgreich Wettbewerbe zu besuchen, und das hat mich bestärkt, dass ich mein Leben ganz der Musik widmen möchte.

Schließlich sind Sie in der Royal Acadamy of Music in London gelandet. Warum haben Sie nicht in Ihrer Heimat studiert, die auch sehr gute Musikhochschule hat?

Das war eine sehr spontane Entscheidung, denn ich hatte immer vor, in Litauen zu studieren. Aber irgendjemand hat mich auf die Idee gebracht, es doch auch mal woanders zu versuchen. Und da mir keine andere Musikakademie als London eingefallen ist, habe ich dort mein Glück probiert und bin genommen wurde. Erst dann wurde mir plötzlich klar, dass ich überhaupt kein Geld habe, um in London zu leben. Aber irgendwie habe ich das auch hinbekommen und war plötzlich einen großen Schritt weiter auf meinem Weg zum Profimusiker und meiner Karriere.

Dort gibt es vermutlich nicht besonders viele andere Akkordonspieler?

Das stimmt. Als ich nach London kam, waren wir sieben Studenten. Am Ende noch drei. Es gibt für Akkordeonisten noch kein besonders großes Betätigungsfeld in der Klassikwelt. Daher ist es vielleicht ganz gut, wenn es nicht zuviele von uns gibt (lacht).

Während Ihres Studiums haben Sie in der litauischen Version der Fernseh-Casting-Show „Das Supertalent“ teilgenommen....

Das stimmt. Es hat mir nicht gereicht, nur als klassischer Musiker ausgebildet zu werden. Ich wollte mit allem experimentieren, was mir in den Sinn kam, und mich nicht in einen „Klassik-Käfig" einsperren lassen. In dieser Sendung zu spielen, war eine Gelegenheit, meine Mission weiterzuverfolgen: Das Akkordeon bei jungen Leuten - und auch bei allen anderen - beliebter zu machen. Ich hatte das Glück die Show zu gewinnen, was mir in meiner Heimat große Aufmerksamkeit gebracht hat. In London habe ich es hingegen kaum jemandem erzählt.

Auf Ihrem Debütalbum haben sie eine breite Auswahl an Musikgenres – von Bach und Mozart bis Lady Gaga und Katy Perry – versammelt. Wie ist es zu dieser ungewöhnlichen Mischung gekommen?

Es ist ein Mosaik aus dem, was ich liebe, und eine Art Visitenkarte meines Könnens. Alle Arrangements sind ganz neu, die Stücke wurden noch nie so gespielt. Da ist zum Beispiel Mozarts ‚Türkischer Marsch’. Der ist nicht gerade unbekannt, viele Leute haben ihn sogar als Klingelton auf ihrem Handy und kennen die Melodie in- und auswendig, doch bei uns klingt das Stück nicht mehr viel nach Mozart, was ich großartig finde. Es ist für mich aufregend, mit alt hergebrachten Regeln zu brechen. Gleiches gilt für Lady Gagas Hit „Telephone“: Die Essenz des Originals ist geblieben, dennoch ist bei der Bearbeitung fürs Akkordeon ein ganz andersartiger Sound entstanden.

Auf einem Track spielen Sie mit David Garrett zusammen. Wie haben Sie sich kennengelernt?

Wir haben den gleichen Manager. Der hatte vorgeschlagen, dass David ein Stück auf meinem Album mitspielt. Das war sehr aufregend. Im Gegenzug konnte ich ihn in diesem Jahr auf seiner USA Tournee begleiten und ein paar Stücke mit ihm bei seinem großartigen Konzert auf der Berliner Waldbühne spielen.

Arbeiten Sie bereits an Ihrem nächsten Album?

Ich arbeite noch nicht aktiv an neuen Aufnahmen, aber habe schon ein paar Ideen, wie das nächste Album aussehen könnte. Ich plane klassische Solo-Transkriptionen fürs Akkordeon, aber auch Stücke mit Streichorchester und Streichquartett. Aber derzeit läuft noch das Marketing für mein aktuelles Album, daher ist etwas neues noch nicht spruchreif.

Diese Woche spielen Sie beim SHMF an vier verschiedenen Orten in Schleswig-Holstein. Waren Sie schon einmal bei uns im Norden?

Ich war noch nie beim Schleswig-Holstein Musik Festival, aber habe schon sehr viel davon gehört. Es bedeutet mir sehr viel, jetzt Teil dieser Klassikfamilie zu sein. Und ich freue mich sehr auf die Auftritte.
Location:
Peter-Pauls-Kirche
Hohenwestedt

Termin: Donnerstag, 17.07.2014

http://www.shmf.de
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