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Raviolidosen, ausufernde Kadenzen und Hyperventilationen



Gordon Kampe (31) gehört zu den interessantesten Komponisten der jüngeren Generation. Der Vater einer Tochter studierte Komposition bei Hans-Joachim Hespos und Adriana Hölszky an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock (1998-2000) sowie bei Nicolaus A. Huber an der Folkwang Hochschule Essen (2000-03). Für chiffren, die »kieler tage für neue musik«, komponierte er das Auftragswerk „X mit großem Solo“, das am 9. Februar in der Halle 400 vom Ensemble reflexion K uraufgeführt wird. In seinen Werken verbindet sich die Vorliebe für konnotativ aufgeladene Klänge und imperfekte Klangerzeuger aus dem Bereich der Alltagsgegenstände mit theatralischen Elementen, die von besonderen Vortragsanweisungen bis zum szenischen Agieren reichen. DER KULTURONKEL sprach mit dem frischgebackenen Kompositionspreisträger der Stadt Stuttgart.

Herr Kampe, Sie haben zunächst eine Ausbildung als Elektroinstallateur absolviert. Wie wird man vom Elektroinstallateur zum Komponist?

(lacht) Das klingt fast wie vom Schuhputzer zum Millionär. Bei mir an der Schule war es so, dass man kein Abitur ohne Berufsausbildung bekommt. Deshalb habe ich vor dem Abitur diese zweijährige Ausbildung gemacht. Das habe ich aber anschließend nicht weiter vertieft.

Haben Sie da schon erste Klangerfahrungen mit Heizungsrohren oder ähnlichem gemacht?

Vielleicht habe ich da bereits explosive Klangerfahrungen gemacht, weil ich wirklich so schlecht war, dass ich alles lahm gelegt und so machen Kurzschluss verursacht habe.

Nach dem Kompositionsstudium an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock und an der Folkwang-Hochschule in Essen arbeiten Sie heute in dem Beruf. Nun stellen sich viele Menschen einen Komponisten als vergeistigten Einzelgänger vor. Diesen Eindruck vermitteln Sie ganz und gar nicht.

Das Klischee stammt noch aus dem 19. Jahrhundert, wenn man sich den halb ertaubten Beethoven vorstellt, wie er durch Wien läuft und nichts mehr mitbekommt. Ich sehe das ganz pragmatisch: für mich ist das meine Arbeit. Ich bin begeisterter Musiker und lebe das aus vollem Herzen, aber ich bin auch ein ganz normaler Mensch, der seinen Alltag mit Tochter und Freundin zu bewältigen hat.

Wie sind Sie zur Musik, speziell auch zur moderner Musik gekommen sind?

Das war auch an der Schule, wo wir viel mit Musik in Berührung gekommen sind. Ich habe im Schul- und Jugendorchestern Klarinette gespielt und im Chor die ganzen „Schinken“ wie Brahms' „Deutsches Requiem“ und Bachs „Weihnachtsoratorium“ mitgesungen. Das hat mich stark geprägt. Und irgendwann kommt man dann automatisch auch zur Musik des 20. Jahrhunderts.

Wie sieht der typische Arbeitsalltag eines jungen Komponisten aus?

Das ist wahrscheinlich bei jedem unterschiedlich und hängt auch stark von der Auftragslage ab. Wenn ich gerade einen Auftrag habe, dann gehe ich ganz spießig jeden Morgen in mein Büro und arbeite eine bestimmte Zeit am Schreibtisch. Mir kommen nicht mitten in der Nacht irgendwelche Inspirationen oder Ideen.Wenn ich an nichts Konkretem arbeite, muss ich meine anderen Jobs erledigen. Ich unterrichte an der Hochschule, bin nebenbei noch Organist in einer Kirche und unterrichte.

Am 9. Februar feiert Ihre aktuelle Komposition „X mit großem Solo“ bei CHIFFREN Uraufführung. Auch wenn Sie Ihre Werke ungern erklären, versuchen Sie bitte trotzdem, zu beschreiben, was das Publikum erwartet.

Ich kommentiere meine Stücke ungern mit den herkömmlichen Programmhefttexten, die immer versuchen, die Stücke zu erklären. Das in Deutschland machen zu müssen, finde ich eine merkwürdige Tradition. Trotzdem gebe ich gern Hinweise, die die Zuhörer eher assoziativ in eine Richtung lenken können.
Ich hatte beim Komponieren viele verschiedene Einflüsse. Unter anderem sind mir zwei Postkarten in die Hand gefallen. Die eine, „Quintett of the Estonished“ vom Videokünstler Bill Viola, zeigt fünf Leute, die alle einen ganz schrägen Gesichtsausdruck haben. Auf der anderen Postkarte von Otto Dix sieht man eine skurrile Situation mit fünf Musikern, die alle sehr laut zu spielen scheinen. Ich habe versucht mir vorzustellen, was die gerade denken, und dabei ist mir eingefallen, wie der Formplan aussehen muss und wie die schrille Szenerie klingt. Außerdem gibt es ein großes Schlagzeugsolo; ansonsten ist das Stück sehr schnell und hektisch und verlangt den Musikern vom Ensemble reflexion K auch körperlich einiges ab. Es geht wirklich bis an die Grenzen des Möglichen.


Neben dem konventionellen Instrumentarium, Flöte, Akkordeon, Harfe, Schlagzeug und Kontrabass, beziehen Sie gern verschiedenste Alltagsgegenstände in Ihre Kompositionen ein. Ist das heute Abend auch so?

Auf jeden Fall. Ich benutze gern verschiedene Dinge, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben und auf die ich eher zufällig gestoßen bin. Beispielsweise eine edle Harfe und ein Wellblech. Das gibt für mich immer eine interessante Reibung – nicht nur klanglich, sondern auch optisch.
Heute Abend habe ich Raviolidosen besetzt und Raviolophon genannt. Stolz bin ich auf meine Erfindung „Gummophon“, das sind Haushaltshandschuhe auf Glasscheibe. Das klingt richtig dreckig und damit kann ich „viel zu schöne“ Akkorde wunderbar verschmieren.
"X mit großem Solo"
Location:
Hallr 400
Kiel

Termin: Samstag, 09.02.2008

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