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Die Kraft der Musik


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Die schwedische Sopranistin Anne Sofie von Otter hat im Laufe ihrer Karriere nicht nur mit ihrer Stimme auf sich aufmerksam gemacht, sondern auch mit bemerkenswerten CD-Produktionen. Nun hat sie zusammen mit anderen Musikern eine CD aufgenommen, die sich mit einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Musikgeschichte befasst.
Auf ihrer neuen CD „Lieder aus Theresienstadt“oder Terezín, so der tschechische Name, stellt sie Musik vor, die während der nationalsozialistischen Diktatur im Konzentrationslager Theresienstadt entstanden ist. Hier war ein Großteil der jüdischen Kulturelite versammelt. Kulturelle Aktivitäten waren dort seit 1943 nicht mehr verboten. Sie gehörten zum Projekt einer angeblich von ihren Einwohnern selbst verwalteten Stadt, mit dem die Nazis der internationalen Öffentlichkeit erfolgreich vorgaukelten, dass Theresienstadt eine jüdische Ansiedlung mit einem normalen städtischen Leben sei. Es gab ein tschechisches und ein deutsches Theater sowie eine große Musikabteilung. Publikumsmagnet aber waren die Kabarettvorstellungen. Der Schauspieler Kurt Gerron, bekannt aus „Dem blauen Engel“, inszenierte in Theresienstadt das Kabarett „Karussell“, zu dem der Jazzpianist Martin Roman die Musik schrieb.
Die Musikzusammenstellung auf der CD zeigt die ganze Bandbreite der in Theresienstadt aufgeführten Musik, vom Kabarettsong über Operettenhaftes bis hin zum klassischen Kunstlied. Über alle Genrewechsel hinweg klingt Anne Sofie von Otters Stimme immer freundlich und warm. Da sind kein anklagender Ton und keine Betroffenheitsgesten zu finden. Sie singt die Lieder, so wie sie sind, mit einfachem, natürlichem Ausdruck, ohne die Tragik, die natürlich in jedem dieser Lieder mitschwingt, noch extra zu betonen. So sind es dann auch vor allem die schlichten Lieder, die besonders nahe gehen. Alle Komponisten wurden später in Auschwitz ermordet. Damit wird „Theresienstadt“ ein schlichtes und gerade deshalb erschütterndes musikalisches Mahnmal vergeblicher Hoffnungen.
DER KULTURONKEL sprach mit dem Weltstar.

Wie kommt ein schwedischer Weltstar dazu, sich mit der dunklen Seite der deutschen Geschichte zu beschäftigen?

Es ging los mit der Holocaust Konferenz in Stockholm vor sieben Jahren. Damals wurde ich gefragt, ob ich ein paar Lieder singen könne. Ich dachte damals an die üblichen Komponisten wie Korngold und Mahler. Aber die Verantwortliche Yvonne Rock hat mich gebeten, ein paar Lieder aus Theresienstadt anzusehen. Bis zu diesem Zeitpunkt war Theresienstadt für mich nur der Name eines bekannten Konzentrationslagers. Ich wusste nicht, wieviel Musik es dort gab und zu welchem Zweck sie eingesetzt worden ist. Theresienstadt war quasi ein Kultur-KZ mit vielen Intellektuellen. Mich hat das sehr interessiert und wollte mehr daraus machen als einen einzigen Auftritt. Die Deutsche Grammophon war dem Ganzen sehr aufgeschlossen. Warum sollte man das machen? Das ist für mich eine Pflicht. Man sollte ein ernsthaftes Interesse an der Thematik haben. Und alle sollten etwas dafür tun, damit das nicht noch einmal passiert.

Was für ein Gefühl hatten Sie, als Sie sich mit dieser Musik auseinandergesetzt haben?

Zuerst haben wir die bekannteren Komponisten wie Vikor Ullmann und Pavel Haas gespielt. Dabei haben wir gesehen wie unterschiedlich die waren und in welchem Stil. Was mich aber emotional richtig bewegt hat, waren die sogenannten Kabarett-Lieder. Da sind Arbeitslieder dabei und Märsche und Wiegenlieder. Viele geschrieben von einfachen Inhaftierten wie Ilse Weber, die sonst nichts mit Musik zu tun hatten. Diese Texte sind so direkt und bewegend, und die Musik ist wunderbar. Diese Lieder singe ich am liebsten. Pavel Haas finde ich auch fantastisch und habe mehr von ihm aufgenommen als schließlich auf der CD gelandet sind. Das sind vor allem volkstümliche Lieder. Die „Kabarettlieder“ haben viel Platz eingenommen auf der CD, weil sie die richtige Botschaft transportieren.

Warum sollte man sich die CD anhören?

Aus verschiedenen Gründen. Vor allem geht es mir um die historische Botschaft, aber auch musikalisch ist die CD hörenswert und vielseitig: von ernst bis lustig. Man spürt förmlich, wie stark die Kraft der Musik ist für diese Menschen. Die Inhaftierten haben wirklich eine Hölle in Theresienstadt erlebt, sie wurden von ihren Familien getrennt, waren krank und hatten Hunger. Die meisten haben nicht überlebt. Aber ich glaube, sie haben sehr viel Kraft – wenigstens für einen Augenblick – aus der Musik schöpfen können. Vom Hören, vom Singen, vom Zusammensitzen. Das Wunderbare ist, wieviel Kraft uns Kultur geben kann auch in den schwierigsten Situationen.

Sie haben im letzten Jahr an einem völlig anderen Projekt gearbeitet: Pop- und Musicalkompositionen von Benny Andersson. Wie wichtig ist es für Sie, über den Tellerrand des herkömmlichen Opern- und Klassikbetriebes zu schauen?

Das ist sehr wichtig für mich. Ich finde, Musik sollte man nicht begrenzen. Natürlich bin ich vor allem eine klassische Sängerin, aber ich habe auch Freude an anderen Dingen wie Volksliedern, Balladen usw. Warum sollte man diese Grenze nicht überschreiten, wenn man Spaß daran hat? Ich liebe viele Arten von Musik und finde es schade, wenn man sich einschränkt, auch beim Hören. Die Welt der Musik ist so unglaublich reich.

Ist der Titel des letzten Album „I let the music speak“ Ihr Lebensmotto?

Wenn es darum geht, dass ich es liebe zu singen: ja. Vielleicht gibt es Kolleginnen in meinem Alter, die nicht mehr soviel Spaß daran haben zu singen wie ich. Ich bin so glücklich und liebe meinen Beruf mit großer Passion. Ich werde oft gefragt: Warum unterrichtest du nicht? Ich habe einfach noch immer eine große Liebesaffäre mit meiner Stimme. Auch wenn ich weiß, dass man nicht für immer singen kann. Aber zur Zeit ist mir das egal, da ich es immer noch liebe mit anderen Musikern zu singen. Es macht mir irrsinnig viel Spaß und gibt mir sehr viel Kraft.

Ein guter Kollege von Ihnen, der auch viel Spaß mit seiner Stimme hat, hat vor kurzem ein Jazz-Album veröffentlicht: Thomas Quasthoff. Können Sie sich das auch vorstellen?

Ich war Ende letzten Jahres mit einem Jazzprogramm unterwegs, u.a. auch in Deutschland, und habe das „American Songbook“ gesungen. Jazz ist ja ein sehr breiter Begriff. Und Jazz richtig zu singen ist für eine klassisch ausgebildete schwedische Sängerin nicht so einfach. Aber diese Tournee war fantastisch und ich mag das sehr gerne. Für die Zukunft plane ich mehr Projekte in dieser Richtung.

Was dürfen wir als nächstes von Ihnen erwarten?

Zur Zeit probe ich in Genf Berlioz' „Le Troyen“. Aber gleichzeitig höre ich mich durch 200 Bach- Aufnahmen, da ich im nächsten Jahr ein Album mit seinen Arien aufnehmen werde, was ich noch nicht gemacht habe. Dieser Komponist hat für mich eine besondere Stellung. Was er komponiert hat, ist fantastisch. Man sitzt mit offenem Mund und kann nur staunen über diese schönen Kantaten. Danach plane ich noch eine französische Barock-CD und dann werden wir sehen.

Interview: Andreas Guballa
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