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„Sobald Musik erklingt, erklingt Hoffnung“



Trauer ist meistens ein langer und einsamer Weg. Das Choas der Gefühle, der tiefe Schmerz und die Verzweiflung können Worte kaum zum Ausdruck bringen. Trost erreicht den Trauernden aber oft in der Sprache der Musik.
Sie kann in Momenten der Stille und der Einsamkeit begleiten, uns tief in der Seele berühren. Ihren künstlerischen Reflex findet Trauer in der Musik zunächst in funktionalen Kompositionen wie Trauermarsch und Totenlied. Früh prägt sie sich aus in vokalen Gattungen wie dem griechischen Threnos, dem Trauer- und Klagegesang, und dem Lamento. Die bedeutendste vokale Gattung der Trauer aber ist fraglos das Requiem, die katholische Messe für die Verstorbenen, die sich seit dem Mittelalter etablieren konnte und mit der Musik des 18. und 19. Jahrhunderts zur klassischen Formulierung findet.
Prominente Trauergesänge der Musikgeschichte stehen am Freitag auf dem Programm eines außergewöhnlichen Projektes der Chorakademie des SHMF, das dem Thema Lamento gewidmet ist. Doch nicht nur der Typus des barocken Lamento-Gesangs kommt zur Aufführung, sondern die für diesen Abend konzipierte Werkcollage spürt die unterschiedlichsten musikalischen und historischen Orte von Trauer auf: Neben Monteverdis berühmtem „Lamento d’Arianna“ und der Schluss-Arie der Dido aus Purcells Oper „Dido and Aeneas“ aus dem 17. Jahrhundert erklingen vom Cembalosolo über Streichquartett bis hin zum ergreifenden A-cappella-Chorgesang Werke aus drei Jahrhunderten. „Unbewohnbar die Trauer“ lautet eine Gedichtzeile von Peter Huchel, die wohl sehr präzise die Atmosphäre des Ortes der Aufführung, das ehemalige Klinkerwerk der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, einfängt.
Der Hamburger Star-Designer Peter Schmidt hat für diese Aufführung die Gestaltung übernommen und stellt ein Zusammenspiel zwischen Ort und Musik her.

DER KULTURONKEL sprach mit dem bekanntesten Gestaltungskünstler Deutschlands, der bereits vor zwei Jahren für das SHMF das Bühnenbild für die japanische Oper „Madrugada“ von Ichiro Nodaira entwarf, die unter dem Dirigat von Kent Nagano uraufgeführt wurde.

Herr Schmidt, wie ist es zu diesem Projekt gekommen?

Dadurch, dass „Madruga“ sehr gut funktioniert hat, hat Rolf Beck mich angesprochen, ob ich mir noch andere musikalische Abend vorstellen kann. Der Musikkritiker Jürgen Kesting und ich haben jede Menge Ideen entwickelt und vorgeschlagen, daraus kam dann „Lamento“ in die engerer Wahl. Dann musste eine Location gefunden werden, da ich zunächst an eine Kirche als Aufführungsort gedacht hatte. Ich war aber sehr angetan von der Idee, das Konzert nach Neuengamme zu verlegen, dieser beeindruckenden und gut gemachten KZ-Gedenkstätte.

Sie haben die Gestaltung des Stage Designs für dieses Konzert übernommen. Was erwartet das Publikum?

Man darf keine allzu großen Erwartungshaltungen haben, was die Gestaltung angeht. Umso höhere, was den Musikgenuss angeht. Ich möchte die Musik mit meinen Installation nicht stören. Es wird ein Zusammenspiel von Chorakademie, Orchester, der Sopranistin Maite Beaumont und der Rezitatorin Maria Hartmann – das alles findet statt auf einem von mir geschaffenen kreisrunden Platz aus verschiedenen Keilen. Dort sitzt das Publikum mit den Musikern eng zusammen.

Haben Sie sich dabei eher von der Umgebung oder vom roten Faden des Programms leiten lassen?

Eher vom Ort des Geschehen. Durch die Ausstellung „Viermal Leben“ über jüdische Schicksale in Blankenese und „Die verstummten Stimmen“ an der Hamburger Staatsoper beschäftige ich mich seit langem mit den Schicksalen der Verfolgten durch die Nationalsozialisten. Ich wurde immer wieder daran erinnert, wieviele Menschen aus Hamburg, nicht nur jüdischen Glaubens, durch dieses Lager gehen mussten und meistens zu Tode kamen. Das hat natürlich große Betroffenheit und auch Einfluss auf die Gestaltung dieses Abend ausgelöst.

Wie schaffen Sie es, dass das Publikum nicht niedergeschlagen aus dem Konzert geht?

Ich glaube, immer wenn man Musik macht, ist auch ein Stück Hoffnung zu erkennen. Wenn das nicht so wäre, müssten wir aufgeben. Sobald Musik erklingt, erklingt Hoffnung. Selbst in so großen Werken wie Wagners „Götterdämmerung“ sind die letzten Takte voller Hoffnung.

Wenn Sie sagen, Musik kann Trost spenden, kann Ihre Kunst das auch?

Nein. Ich habe in der nächsten Woche eine neue Premiere mit „Die Möwe“ von Tschechow zur Saison-Eröffnung des Ernst-Deutsch-Theaters, einem der hoffnungslosesten Stücke der Literatur. Da kann ich mit meinem Bild und mit der Ausstattung keineswegs Trost und Hoffnung vermitteln.


Anlässlich des Konzertes haben sich die Verantwortlichen entschieden, die Öffnungszeiten der Hauptausstellung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme »Zeitspuren: Das Konzentrationslager Neuengamme 1938 - 1945 und seine Nachgeschichte« (Jean-Dolidier-Weg 39) und »Haus des Gedenkens« (Jean-Dolidier-Weg 39) bis 20 Uhr zu verlängern. Vor dem Konzertbesuch ist es also möglich, sich mit der Geschichte des Ortes vertraut zu machen.


INFO: Peter Schmidt

Er wird als Deutschlands Designpapst bezeichnet, als Flakon-Gestalter, Arzberg-Retter, Bühnenbildner - oder allgemein als Künstler. Für jene, denen es nicht gelingt, all seinen unterschiedlichen Aktivitäten einen ordnenden Überbegriff zu geben, ist er schlicht das Multi-Talent. Aber er lässt sich nicht festlegen. Hat er in der einen Disziplin Neues entwickelt, überrascht er bald darauf auf einem anderen Gebiet. Innovation, Inspiration und Intuition sind die Leitmotive des „Grenzgängers und Visionärs“ Peter Schmidt. Der Besuch einer Generalprobe von Wagners „Götterdämmerung“ als 13-Jähriger in seiner Heimatstadt Bayreuth war ausschlaggebend für Peter Schmidts Werdegang als Designer und Künstler und ein Auslöser für seine große Liebe zu Oper und Ballett. Nach seinem Studium an der Werkkunstschule in Kassel, heute Kunsthochschule Kassel, ging er nach Hamburg und gründete die Peter Schmidt Studios, mittlerweile Peter Schmidt Group, die er über 30 Jahre lang leitete. Seit er die aktiven Firmengeschäfte abgegeben hat, widmet er sich im eigenen Atelier seiner eigentlichen Passion: dem Theater und der Musik.
So plant er ein Filmprojekt mit Kent Nagano, arbeitet aber auch weiter an der Foyer-Neugestaltung im Ernst-Deutsch-Theater und mit SHMF-Intendant Rolf Beck an weiteren Konzert-Projekten.
Location:
KZ Gedenkstätte Neuengamme
Hamburg

Termin: Freitag, 17.08.2007

http://www.shmf.de
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