Kultur
Lifestyle
Touristik
Medien
Referenzen
Archiv
"Liebe auf den ersten Griff"



Der gebürtige Bremer Nils Mönkemeyer hat im Frühjahr 2009 seine erste Solo-CD mit dem Titel "Ohne Worte" herausgebracht. Mit seinem zweiten Album "Weichet nur, betrübte Schatten" mit Kantaten von Johann Sebastian Bach, dem Violakonzert D-Dur von Franz Anton Hoffmeister und der ersten Einspielung des Konzerts für Viola und Orchester von Antonio Rosetti folgt nun die orchestrale Visitenkarte. Der Solist wird dabei begleitet von den Dresdner Kapellsolisten unter Helmut Branny. Im Dezember 2006 erhielt Mönkemeyer in Moskau den 1. Preis beim Internationalen Yuri Bashmet Wettbewerb sowie den Preis des Deutschen Musikwettbewerbs 2006. In diesem Jahr erhielt er den englischen Parkhouse Award 2009 und am 18. Oktober nimmt Mönkemeyer in der Semperoper in Dresden den ECHO Klassik-Preis als bester Nachwuchskünstler entgegen. Andreas Guballa sprach mit dem 31Jährigen.

Wann und wie haben Sie die Liebe zur Bratsche entdeckt?

Wie die meisten Bratscher habe ich ganz klassisch mit Geige angefangen und mich mehr schlecht als recht durch das Repertoire gequält. Als ich beim Bruch-Konzert angelangt war, habe ich gemerkt, dass es einfach nicht mein Ding ist und ich wollte schon fast aufhören. Dann hatten wir mit Freunden eine typische Musikerparty, auf der man mit einer Flasche Rotwein sitzt und ein wenig Kammermusik spielt. Irgendwann hatte die anwesende Bratschistin ein wenig zu tief ins Glas geguckt und niemand war da, der Bratsche spielen konnte. Ich hab's dann einfach mal versucht, habe das Instrument in die Hand genommen und gemerkt, das macht doch Spaß. Ich hatte plötzlich eine Identifikation mit dem, was ich gespielt habe. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, so wie ich spiele soll es auch klingen. Es war also quasi „Liebe auf den ersten Griff“.

Was ist denn das Besondere der Bratsche gegenüber der Violine?

Die Bratsche hat nicht die brillianten Höhen wie die Geige, sondern ist sinnlicher, rauchiger und tiefer im Klang. Das gibt eine ganz bestimmte Melancholie, die sehr meinem Wesen entspricht.

Wie würden Sie Ihren persönlichen Klang beschreiben?

Ich hoffe, dass er etwas Nobles hat. Das Wichtigste ist aber der Dialog mit dem Publikum. Wenn ich auf der Bühne stehe und spiele, versuche ich, eine Geschichte zu erzählen und Gefühle auszulösen. Der Klang ist das Mittel dafür.

Frustiert es Sie, dass die Viola nicht den gleichen Stellenwert wie andere Streichinstrumente hat?

Eigentlich kann ich es nicht mehr hören, dass die Bratsche oft als „Aschenputtel“ tituliert wird. Ich liebe mein Instrument und fühle mich absolut wohl damit. Außerdem kann ich so noch etwas Neues machen, da es nicht soviele Musiker gibt, die mit der Bratsche solistisch auftreten.

Wann war eigentlich klar, dass Sie Ihr Leben beruflich der Musik widmen wollen?

Das war schon immer klar. Schon als kleiner Junge habe ich mich mit einem Bettlaken verkleidet und mir Wollknäuel ins Haar gewickelt. Ich habe dann so getan als wäre ich Bach und bin mit meiner Blockflöte weihevoll durch den Garten geschritten. Ich glaube, das ist mir wirklich in die Wiege gelegt worden. Hinzu kommt, dass mein Vater Jazzmusiker ist und zuhause immer Jam-Session gehabt hat, die ich mit großen Augen verfolgt habe. Musik war von Anfang an dabei und hat mich nie wieder losgelassen.

Sie bekommen im Oktober den ECHO Klassik als bester Nachwuchskünstler. Wie wichtig ist so ein Preis für Sie persönlich, aber auch für die Popularität Ihres Instruments ?

Es ist für mich eine tolle Bestätigung, dass nicht nur Leute die CD kaufen und mögen, sondern auch strenge Kritiker entscheiden: diese CD ist wirklich gut. Ob dadurch der Stellenwert der Bratsche steigt, weiß ich natürlich nicht, würde mich aber freuen.

Was hat sich für Sie verändert, seitdem bekannt ist, dass Sie ECHO Preisträger sind?

Ich habe jede Menge Interviewanfragen wie diese heute. Ansonsten bleibt mein tägliches Leben das gleiche. Ich stehe morgens auf, sehe den Abwasch in der Küche und muss nebenbei meine Stücke üben. Dabei würde ich oft lieber in den Biergarten gehen.

Ist die Auszeichnung „Nachwuchskünstler des Jahres“ Bürde oder Ansporn?

Das ist ein großer Ansporn. Es kommen jetzt so viele Konzerte, auf die ich mich freue, bei denen das Publikum aber nun auch eine gewisse Erwartung haben wird. Und ich möchte dabei so gut sein wie ich kann. Das ist schwer genug. Der eigene Anspruch ist immer der höchste. Man ist immer mit sich selbst am kritischsten.

Sie haben zusammen mit Ihrem Klavierpartner Nicholas Rimmer den Parkhouse Award in London erhalten. Der Preis beinhaltet u. a. Konzerte in der Wigmore Hall. Haben Sie den Preis schon eingelöst?

Das erste Konzert, das mit diesem Preis zusammenhängt, kommt Ende Oktober in St. John's Smith Square, das ist eine umgebaute Konzertkirche. Das Wigmore Hall Debüt ist im nächsten Jahr.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie daran?

Darauf freue ich mich wahnsinnig, habe aber auch etwas Angst. Das Londoner Publikum soll ja ganz schwierig sein. Mal sehen...

Bereits im November präsentieren Sie in Hamburg Ausschnitte aus Ihrer aktuellen und mit dem ECHO ausgezeichneten CD „Weichnet nur, betrübte Schatten“ mit Musik von Rosetti und Hoffmeister – zwei Komponisten, die beide zu ihrer Zeit hoch angesehene Meister waren, dann aber in Vergessenheit geraten sind. Wie sind Sie auf sie aufmerksam geworden?

Antonio Rosetti (1750 – 1792) war so etwas wie die Brittney Spears von damals. Jeder kannte seine Stücke und er war wahnsinnig populär und auch ein wenig durchgeknallt. So etwas wie der Superstar der Klassik. Im Laufe der Zeit ist er jedoch vergessen worden und viele seiner Werke lagen auf Dachböden herum. Durch einige Spezialensembles für alte Musik wurde er dann wieder etwas populärer. Zufällig habe ich entdeckt, dass es auch ein Bratschenkonzert gibt, ein richtiges „Gute-Laune-Stück“. Bei der Aufnahme hatten wir unglaublich viel Freude daran, denn es ist ein ganz virtuoses Werk.

Außerdem befinden sich auf der CD Bearbeitungen von Bachkantaten, die zum Teil von Ihnen stammen. Wonach haben Sie ausgewählt und wo haben Sie das Arrangieren gelernt?

Das Arrangieren passiert so ein bisschen nach dem Try and Error-Prinzip. Ich höre da eine Gesangsstimme und denke mir, dass könnte auch auf der Bratsche gut klingen. Nach ein wenig Ausprobieren hofft man dann, dass das Ergebnis gut ist. Und die Auswahl war ganz persönlich. Ich habe schon immer Bachkantaten geliebt und schon mit zwölf Jahren in meiner Heimatgemeinde bei Bremen in Weihnachtskonzerten mitgewirkt. Für mich ist Bach der Ursprung von allem und das hat mich bis heute begleitet. Dann habe ich mir überlegt, was meine Lieblingskantaten sind und welche auf der Bratsche schön klingen würden.

Wie kam es dann zu der Zusammenstellung mit Bach und den Barockmeistern?

Die Bachstücke sind oft ein wenig elegisch und melancholisch. Ich wollte aber auch etwas spielen, wo die Bratsche fetzig, virtuos und gute Laune machend klingt. Da der Rosetti und der Hoffmeister in Vivaldi-Tradition stehen, war das für mich ein schöner Gegensatz.

Wie schützen Sie sich bei den zahlreichen Terminen vor allzu schnellem Konzertverschleiß?

Das ist in der Tat gar nicht so einfach. Da kommt so ein Angebot und man will unbedingt zusagen, weiß aber, dass ist zeitlich eigentlich gar nicht zu schaffen. Ich versuche, die Termine so zu legen, dass ich zwischendurch üben kann und auch mal eine Ruhephase habe, wo ich mich auf mich besinnen oder Freunde treffen kann.

Es gibt Künstler, die haben eine fast schon als erotisch zu bezeichnende Beziehung zu ihrem Instrument. Wie sieht es bei Ihnen aus?

(lacht) Ich küsse meine Bratsche nicht jeden Morgen wie Menuhin das gemacht hat. Natürlich ist das Instrument aber die nach außen verlegte innere Stimme. Alles, was ich mit der Bratsche sage, ist sehr persönlich. Ob das erotisch ist, vage ich zu bezweifeln.

Sie unterrichten seit 2006 als Professor in Madrid und werden ab Oktober an der Hochschule für Musik in Dresden tätig sein. Was vermitteln Sie Ihren Studenten?

Das ist ja keine Vorlesung wie auf der Uni, sondern ich habe zwölf Schüler, die alle in Einzelunterricht Bratsche lernen wollen. Dabei schaue ich darauf, wer diese Person ist und was sie kann. Zusammen mit dem Schüler versuche ich dann Schwächen zu verbessern und Stärken zu fördern. Im Endeffekt soll der Schüler auf die Bühne gehen und sagen können: „Hallo! Das bin ich.“

Gibt es ein Erfolgsrezept für einen guten Bratschisten?

Es gibt kein spezielles Erfolgsrezept, sondern es gilt, was man überall braucht: man darf nie aufgeben. Während des Studiums hatte ich kaum Geld und der Erfolg kam nicht sofort. Wenn ich damals aufgehört hätte, wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin. Wenn man es in solchen Situationen schafft durchzuhalten, dann kommt danach das Gute.

Wie wichtig ist in solchen Situationen ein Mentor wie in Ihrem Fall der „Bratschenpapst“ Yuri Bashmet, der Ihnen früh eine große Karriere vorausgesagt hat?

Yuri Bashmet ist ein Mann von großem Charisma und in Russland ein absoluter Superstar mit eigener Talkshow. Auch wenn er sehr klein ist, hat er eine unglaubliche Präsenz. Damals kam ich zu ihm und wusste noch überhaupt nicht, was ich wollte. Wenn dann so jemand von dieser Größe einem sagt, du kannst es schaffen, dann gibt einem das einen wirklichen Kick. Das war eine sehr wichtige Begegnung für mich.

Sie haben bei youtube Ihr eigenes filmisches Porträt. Wie wichtig ist dieses Medium heute als Marketinginstrument für klassische Musiker?

In erster Linie finde ich es einfach toll, dass man auf youtube soviele verschiedene Sachen ansehen kann. Da gibt es ja wirklich alles. Ich selber schaue jeden Tag irgendein Video auf youtube. Natürlich hilft es, sein eigenes Video dort zu haben. Ich erzähle darauf so ein paar Geschichten, warum ich das mache und warum es mir Spaß macht. Das finde ich viel persönlicher als wenn die Plattenfirma irgendwo eine Werbung schalten würde.

Welche Pläne gibt es in den nächsten Monaten?

Ich habe drei wichtige Konzerte, auf die ich mich sehr freue: einmal im Kammermusiksaal der Philharmonie in Berlin, dann werde ich im Prinzregententheater in München spielen und in der Laeiszhalle in Hamburg. Außerdem gibt es natürlich die ECHO Preisverleihung in Dresden im Oktober. Dann folgt eine neue CD Aufnahme zum Schumann-Jahr, wo ich wieder ein bisschen elegischer sein werde. Ansonsten freue ich mich auch auf die Arbeit mit meinen Studenten.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Ich wünsche mir eigentlich nur, dass es so weitergeht wie bisher. Ich habe wahnsinnig wie Spaß auf der Bühne und hoffe, dass die Leute weiterhin mögen, was ich tue. Wenn ich zwischendurch noch Zeit habe, einen Kaffee trinken zu gehen, bin ich sehr zufrieden.
Location:
Laeiszhalle
Hamburg

Termin: Montag, 30.11.2009

http://www.nilsmoenkemeyer.de
diesen Beitrag downloaden
Museum
Der Mann, der die Welt erleuchtete
Emil Noldes "Land am Meer"
Die SS Cimbria - eine deutsche Titantic
Gegen Diktatur
"Karl Valentin. Filmpionier und Medienhandwerker"
Geschichtenbilder
Neues Flaggschiff für die Westküste
Bühne
Die Oper zum Klimawandel
"Der fliegende Holsteiner"
„Ich bin der willenlose Sklave meiner eigenen Neugier“
Ausgelassenes Treiben bei den Schlossfestspielen Schleswig
Zerrissen zwischen zwei Welten
Macht und Moral
Wiederentdeckung eines Stiefkindes der Opernliteratur
Neue Spielzeit am Schleswig-Holsteinischen Landestheater
Neue Konzertsaison am Schleswig-Holsteinischen Landestheater
Fliege deinen Traum
Eine Odyssee
UTE LEMPER MIT NEUEM ALBUM AUF TOURNEE
Hauke Haien reitet wieder
Kultfilm als Bühnenversion
Keine verrostetet alte Dame
Im Hamsterrad der Bürgerlichkeit
Les Misérables am Theater Lübeck
„Die norddeutsche Fassung des 'Paten'“
„Ninotschka“lässt es an der Förde swingen
Public Viewing mit Bio
Literatur
Starke Frauen in scheinbar ausweglosen Situationen
Hellmuth Karasek liest Wilhelm Busch
„Wo kann ich am besten eine Leiche verschwinden lassen“
Ein Schuss, ein Schrei - das Meiste von Karl May
Träume vom verlorenen Paradies
 
   
  ImpressumKontakt