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„Der Brahmspreis ist eine Bestätigung unserer Arbeit“


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Bereits zum 17. Mal vergibt die Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein mit Sitz in Heide den Brahmspreis und würdigt damit eine Persönlichkeit bzw. Institution, die sich in besonderer Weise um die Pflege der Brahmschen Musik und sein musikalisches Erbe verdient gemacht hat. 20 Jahre nach der Preisverleihung an die Wiener Philharmoniker und Leonard Bernstein ehrt die Brahms Gesellschaft in diesem Jahr wieder ein Orchester und seine Dirigentin: Am 9. September wird im Elbeforum Brunsbüttel der mit 10.000 Euro dotierte Preis an Simone Young und die Hamburger Philharmoniker verliehen.

Andreas Guballa sprach mit der Preisträgerin.

Frau Young, die Frage „Lieben Sie Brahms?“ muss man Ihnen sicher nicht stellen. Was macht für Sie die Faszination für Johannes Brahms und sein Œuvre aus?

Mich fasziniert vor allem die Mischung aus Emotionalität und Rationalität, die sich auch in seinen Werken widerspiegelt. Außerdem fesseln mich die Geschichten, die über ihn erzählt werden. Beispielsweise, dass er zehn Jahre lang an seiner ersten Sinfonie gearbeitet hat, sie ständig revidiert hat und dann alles, was man nicht hören sollte, verbrannt hat. Ich finde, das ist eine außerordentlich starke und konsequente künstlerische Linie. So wie seine Musik: expressiv, aber mit einer strengen Struktur.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit der Musik von Johannes Brahms und auf welchen Stationen Ihres Lebens sie Sie begleitet hat?

Meine erste Begegnung war als 7jährige, ein kleines Klavierstück, vermutlich eine Bearbeitung. Damals hatte meine Klavierlehrerin zu mir gesagt, ich müsse mir die drei Bs merken: Bach, Beethoven und Brahms. Heute würde ich noch Bruckner dazu zählen. Als Teenager ging ich dann in Orchesteraufführungen und habe mir Brahms' Sinfonien und Klavierkonzerte angehört. Als Studentin und Pianistin habe ich mich dann sehr intensiv mit seinen Liedern beschäftigt. Dirigiert habe ich Brahms zum ersten Mal Mitte der 90er Jahre, also eher spät. Das war in Belgien: die Tragische Ouvertüre d-moll und die Akademische Festouvertüre.

Warum haben Sie mit den „Ostertönen“ für Brahms ein eigenes Festival ins Leben gerufen?

Die Idee hatte ich sofort, als ich nach Hamburg kam und feststelle, dass es in seiner Heimatstadt keine Veranstaltung gab, die Brahms gewidmet war. Das hat mich sehr überrascht.
Es ist interessant, seine Kompositionen sind Meisterwerke immer wieder aus einem anderen Blickwinkel heraus zu betrachten. Außerdem kann es für heute lebende Komponisten, die immer wieder beklagen, dass sie das Publikum nicht erreichten, eine Aufmunterung sein, wenn man weiß, dass besonders Brahms' ersten Werke eine vehemente Ablehnung erfahren haben. In München hatte man beispielsweise damals die Philharmonische Gesellschaft regelrecht gezwungen, ihr Programm im Vorfeld anzukündigen, da zahlreiche Abonnenten gedroht hatten, ihre Karten zurückzugeben, wenn Musik von Brahms aufs Programm käme. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.


Die „Ostertöne“ stehen unter dem Motto „Brahms und Moderne“. Was hat Brahms für die Moderne getan? Was war an Brahms zu seiner Zeit modern?

Die Art und Weise, wie er mit den traditionellen Formen der Sinfonie umgegangen ist, ist überaus modern: wenn man die 3. Sinfonie, die noch sehr klassisch geprägt ist, mit der 4. Sinfonie vergleicht mit ihrem für seine Zeit extrem ausgebauten ersten Satz. Sein Mut, mit bekannten und vertrauten Formen radikal umzugehen, finde ich sehr neuartig. Auch den Weg einer rhythmischen Komplexität zu gehen, die damals nicht der Norm entsprach, hat Brahms sehr geliebt und weist für mich in direkter Linie zu Bruckner, der das noch ausgebaut hat.

„Ich bin ganz Hamburger“ hatte Brahms gesagt, doch die Stadt hat ihn lange links liegen lassen. Warum lehnte man Brahms in der Hansestadt so lange ab?

Johannes Brahms war kein einfacher Zeitgenosse und fand oft harsche Worte für seine Mitmenschen. Es braucht einfach seine Zeit, bis man im Rückblick den Wert solcher musikalischer Genies erkennt. Bei Mozart und Bruckner war es auch nicht anders.

Hat sich Ihr Verhältnis zu Brahms, seit Sie in seiner Heimatstadt Hamburg zuhause sind, verändert?

Natürlich. Man kann nicht als Musikerin in Hamburg arbeiten, ohne täglich mit Brahms konfrontiert zu werden. Er ist sicher der wichtigste Komponist, den man mit dieser Stadt verbindet. Außerdem gehört er für mich zu einer klaren Linie durch die deutsche Romantik von Beethoven zu Bruckner und auch zu Wagner. Das ist ein Repertoire, in dem ich mich seit vielen Jahren zu Hause fühle. Ich genieße es, dass man hier in Hamburg einen Brahms-Schwerpunkt setzen kann, der sein Publikum findet.

Der Brahmspreis wurde in der Vergangenheit erst an zwei andere Orchester verliehen: die Philharmonie der Nationen unter der Leitung von Justus Frantz und die Wiener Philharmoniker unter Leonard Bernstein. Was bedeutet Ihnen die Verleihung des Preises an Sie und die Philharmoniker Hamburg?

Ich fühle mich sehr geehrt und freue mich außerordentlich, dass unsere Arbeit dadurch gewürdigt wird. Der Brahmspreis ist eine wichtige Auszeichnung für einen Klangkörper, der sich mit der Musik dieses Komponisten identifiziert.

Was werden Sie zukünftig weiter für Brahms und sein Lebenswerk tun?

Wir sind dabei, einen Zyklus mit den Brahms-Sinfonien aufzunehmen. Das wird in der nächsten Spielzeit abgeschlossen sein. Natürlich gehen die „Ostertöne“ weiter und ich träume davon, durch Kooperationen und Austausch von Gastspielen eine stärkere Verbindung zwischen den beiden Brahms-Stätten Hamburg und Wien zu schaffen.
Brahms-Preisverleihung 2008
Location:
Elbeforum
Brunsbüttel

Telefon: 0481-69531

Termin: Dienstag, 09.09.2008

http://www.brahms-sh.de
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