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Wunderkind wider Willen



Der 1995 in Calgary geborene Pianist polnischer Herkunft, Jan Lisiecki, spielt seit dem fünften Lebensjahr Klavier und hat sich bereits mit 17 Jahren einen Namen in der kanadischen sowie internationalen Konzertszene gemacht. Erste Konzerte gab er als Neunjähriger und spielte seitdem mit namhaften Orchestern. Die Klassikszene ist begeistert. Kritiker loben seine frische Spielart, seine Nähe zu den Werken und seinen gleichzeitig weisen, reifen Klang. Beim SHMF wird ihm am Freitag der diesjährige Leonard Bernstein Award in Höhe von 10.000 Euro verliehen – gestiftet von der Sparkassen-Finanzgruppe. Der Kulturonkel sprach mit dem Gipfelstürmer.

Herr Lisiecki, Sie spielen seit dem fünften Lebensjahr Klavier, gaben als Neunjähriger erste Konzerte, während Ihre Freunde wahrscheinlich Fußball spielten oder sich mit anderen Dingen beschäftigten. Wie muss man sich Ihre Kindheit vorstellen?

Ich war ein sehr aktives und vielseitig interessiertes Kind und hatte eine wunderbare Kindheit, in der ich Fußball gespielt habe, oft geschwommen und viel Ski gefahren bin. Zum Klavierspielen bin ich eher durch einen Zufall gekommen, weil eine Pädagogin in der Vorschule meinen Eltern vorschlug, sich ein Klavier anzuschaffen, auf dem ich zum Zeitvertreib ein bisschen herumklimpern konnte. Tja, und einige Jahre später gab ich Konzerte – mittlerweile sind es um die hundert pro Jahr. Von Anfang an stand für mich der Spaß im Vordergrund und das Klavierspielen war nur eins von vielen Dingen, mit denen ich mich beschäftigt habe.

Sind Sie denn in einer musikalischen Familie aufgewachsen?

Nein, in meiner Familie wurde klassische Musik weder gehört noch gespielt. Auch im Umfeld gab es keine klassischen Musiker. Das, was mit mir geschah, war für alle Beteiligten eine neue Erfahrung, ein Lernprozess.

Wann war klar, dass Sie Ihr Leben ganz der Musik widmen wollen?

Es war keine bewusste Entscheidung, sondern hat sich organisch ergeben. Ich bin ganz langsam in den Konzertbetrieb hineingewachsen, ohne irgendwelche Wettbewerbe absolvieren zu müssen. Es hat mir einfach Spaß gemacht; bis heute darf es nicht mit Zwang verbunden sein.

In der Presse werden Sie gern als Wunderkind bezeichnet, was Sie gar nicht mögen. Wie gehen Sie mit Lob um?

Natürlich freue ich mich über Lob. Aber wenn jemand als Genie oder Wunderkind bezeichnet wird, hat das immer so einen negativen Beigeschmack; als wenn er von den Eltern oder Lehrern dazu gezwungen worden wäre. Das war bei mir nie der Fall.

Wie würden Sie sich bezeichnen?

Ich liebe, was ich tue und bin sehr glücklich damit. Natürlich weiß ich, dass ich damit privilegiert bin, denn es gibt so viele Gleichaltrige, die Talent haben und schwer arbeiten, aber so ein Leben nicht genießen können.

Die Kritiker loben die besondere Frische und Tiefe in Ihrem Klavierspiel. Das ist erstaunlich für einen so jungen Künstler....

Ich denke gar nicht bewusst darüber nach, wie ich spiele, oder versuche etwas nachzuahmen, nur weil es seit 50 Jahren so gespielt wurde. Ich entwickle meine Interpretation von Grund auf an, wie auf einem weißen Blatt Papier. Wie ich die Musik erlebe und sie dem Publikum präsentiere, entsteht auf ganz natürliche Weise. Und nicht, weil mir jemand sagt, wie ein Stück interpretiert werden muss.

Sie sagen, man muss die Kompositionen alter Meister wie Bach und Mozart mit heutigen Emotionen und Inhalten spielen. Welche Gefühle haben Sie bei der Interpretation solcher Werke?

Ich glaube fest daran, dass das Interesse an Klassik nur dadurch noch besteht, weil jedes Werk durch einen anderen Künstler interpretiert wird, der ihm eine neue Sichtweise, eine neue Idee und eine neue Farbe hinzufügt. Das macht Musik doch erst interessant für uns. Es ergibt doch keinen Sinn, eine Komposition so zu spielen wie sie vielleicht Bach im 18. Jahrhundert aufgeführt hat; dann entwickelt sie sich nicht weiter. Auch die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt und hat heute andere Hörgewohnheiten.

Gibt es musikalische Vorbilder, von denen Sie sich inspirieren lassen?

Da gibt es jede Menge. Ich habe so viele wunderbare Musiker getroffen, die mich nicht nur musikalisch inspiriert haben, sondern auch als Mensch: der Dirigent Antonio Pappano oder der Pianist Emanuel Ax zum Beispiel, um nur zwei von vielen zu nennen.

2011 haben Sie einen Exklusivvertrag mit Deutsche Grammophon unterzeichnet. Eine Ihrer Bedingungen für den Vertrag war, dass Sie auf Ihrer ersten CD Mozart-Klavierkonzerte einspielen durften. Warum?

Das hat einen ganz einfachen Grund: es war schon immer mein Traum, meine erste CD mit Mozart-Werken zu veröffentlichen; ohne großen Knall oder einem technisch angeberischen Stück. Mozarts Klavierkonzerte zeigen, wer ich als Musiker und Mensch bin, nicht als wahnsinnig schnell spielender Pianist. Und diese zwei Klavierkonzerte, Nr. 20 d-Moll und 21 C-Dur, im speziellen sind sehr interessant. Sie sind beide total unterschiedlich, funktionieren aber zusammen auf einer CD. Außerdem war ich sehr glücklich mit einem so fantastischen Klangkörper wie dem Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunk zusammenzuspielen.

Mit dem d-Moll-Klavierkonzert kommen Sie auch zum SHMF. Ist Mozart Ihr Lieblingskomponist?

Absolut. Aber ich habe nicht nur einen Lieblingskomponisten. Ich mag viele Komponisten, weil jeder etwas anderes anzubieten hat: Bach, Beethoven, Mozart, Chopin. Da könnte ich ewig weitermachen. Eigentlich gibt es gar keinen Komponisten, den ich gar nicht mag.

Das Promo-Video zur CD wurde auf dem Dach eines Berliner Hochhauses aufgenommen. War das Ihre Idee und wie wichtig ist ausgefallenes Marketing in der Klassikbranche heutzutage?

Das war nicht meine Idee, aber es hat ungeheuer viel Spaß gemacht! Das Konzept war, zu zeigen wie Musik eine große Bandbreite an Menschen in der ganzen Welt beeinflusst. Natürlich gab es kritische Stimmen zu dieser Aktion, aber wann hat man schon mal Gelegenheit auf einem Hochhausdach Klavier zu spielen?! Marketing ist natürlich sehr wichtig, sollte aber nie zum Selbstzweck werden. Wenn Musik auf dem höchstmöglichen Niveau gespielt wird, spricht sie für sich selbst. Dann braucht man weder Promo-Videos noch Anzeigen.

Was braucht ein Pianist zum Erfolg?

Zuallererst muss man Spaß daran haben, was man macht. Es nützt nichts, in eine Karriere gedrängt zu werden. Ich musste glücklicherweise nie vorspielen oder mich irgendwelchen Wettbewerben stellen. Ich habe daran nur teilgenommen, wenn ich zum Beispiel mit einem bestimmten Orchester oder Dirigenten zusammenarbeiten wollte. Eine gewisse Disziplin gehört natürlich dazu. Aber viele machen sich Druck, perfekt zu sein, und vergessen dabei, das Leben zu genießen.

Wie schützen Sie sich vor Konzertverschleiß?

Für mich gehört mehr zum Leben als die Musik. Das hilft, die Bodenhaftung zu behalten, beeinflusst aber auch, die Art des Spielens. Ich glaube, ich habe momentan ein sehr ausgeglichenes und interessantes Leben; das gibt mir Energie.

Am 16. August erhalten Sie den Leonard Bernstein Award. Es ist ja nicht der erste Preis für Sie. Was bedeutet er Ihnen?

Ich fühle mich sehr geehrt, mit meiner Arbeit wahrgenommen zu werden. Und ich freue mich außerordentlich, wieder in Deutschland spielen zu dürfen und ein Teil des Schleswig-Holstein Musik Festivals zu sein.

Sie werden zusammen mit dem SHFO auftreten. Welchen Karrieretipp können Sie Ihren jungen, fast gleichaltrigen Kollegen geben?

Ich werde mich hüten, irgendwelche Ratschläge zu geben, denn jeder ist anders. Aber ich liebe es mit einem jungen Orchester zusammenzuspielen, das gemeinsam lernen will. Es hat eine andere Energie und eine ansteckende Begeisterung, weil sie zusammen das Beste herauskitzeln wollen.

Welche Musik hören Sie in Ihrer Freizeit?

Ich höre ein bisschen Klassik, viel Jazz, aber auch Pink Floyd und andere Sachen. Verschiedene Musikrichtungen inspirieren mich, und man sollte schon wissen, was die Leute da draußen so hören. Da ich viele Stunden im Taxi verbringe, bin ich auch immer bestens über die aktuellen Charts informiert.

Verraten Sie uns noch Ihre Pläne für die kommende Zeit?

Im September spiele ich in der Wigmore Hall in London, dann vier Konzerte im Ruhrgebiet und im November in der Laeiszhalle in Hamburg. Fürs nächste Jahr sind vier Auftritte in der Scala angesetzt und eine Konzertreihe mit dem Philadelphia Orchestra, um nur ein paar Höhepunkte aus meinem vollen Terminkalender zu nennen.

Gibt es neue Plattenpläne?

Ich arbeite mit der Deutschen Grammophon gerade an neuen, spannenden Projekten, die voraussichtlich Ende nächsten Jahres veröffentlicht werden. Dann kann ich mehr darüber verraten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mozart: Klavierkonzerte 20 & 21 sind erschienen bei Deutsche Grammophon (DG, 479 0061)

Leonard-Bernstein Award
Mit dem Leonard Bernstein Award zeichnet das SHMF jährlich junge musikalische Talente aus.
Der mit 10.000 Euro dotierte Nachwuchspreis wurde 2002 von der Sparkassen-Finanzgruppe gestiftet und will ein deutliches Signal im Bereich der Talentförderung setzen. Zu den Preisträgern gehören der chinesische Pianist Lang Lang (2002), der deutsche Geiger Erik Schumann (2004) und der österreichische Schlagzeuger Martin Grubinger (2007).

http://www.janlisiecki.com
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