Kultur
Lifestyle
Touristik
Medien
Referenzen
Archiv
Die Oboe in all' ihren Facetten



Um Oboisten reißen sich die großen Plattenfirmen in der Regel nicht. Repertoire und Interpreten gelten als wenig verkaufsträchtig. Anders verhält es sich bei Albrecht Mayer. Der Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker spielte sich mit seinen letzten CDs nicht nur an die Spitze der Klassikcharts, in einem Falle landete das Album auch noch in den Popcharts. Beim diesjährigen SHMF will das ehemalige Mitglied des Bamberger Domchores das Publikum neben zwei Konzerten mit dem Münchener Kammerorchester in Kiel und Elmshorn auch in Plön mit seinem Programm „Belcanto instrumente“ verführen. DER KULTURONKEL sprach mit dem Musiker.

Die Oboe ist in vieler Hinsicht etwas Besonderes. Ihr Klang gehört fest zum musikalischen Inventar des Barocks, wurde aber von den Klassikern und Romantikers solistisch vernachlässigt. War das der Grund, weshalb Sie Werken für andere Instrumente oder Gesang Ihre (Oboen-)Stimme leihen?

In der Barockzeit war es tatsächlich so, dass die Oboe eine der führenden Soloinstrumente war; auch Schumann, Brahms oder Mendelssohn haben in ihrem sinfonischen Repertoire die Oboe sehr favorisiert. Die wichtigsten Stimmen in den Sinfonien der Romantik sind von Oboen gespielt worden. Aber aus für mich sehr schwer nachvollziehbaren Gründen hatte die Oboe keinen solistischen Stellenwert in dieser Zeit. Ich vermute, das liegt daran, dass es damals keine fordernden Solisten gab, die einen Brahms oder Beethoven genug genervt haben, um Oboenkonzerte zu bekommen. Tatsächlich ist es so, dass die Oboen auch in der Romantik und Klassik ein riesiges Repertoire - größer als Klarinette und Flöte zusammen - hatten, aber nicht von den großen und bekannten Komponisten. Das ist unser Dilemma und bewegt mich dazu, immer wieder mal einen Seitenschritt zu wagen und mir Repertoire von anderen Instrumenten oder einer Singstimme auszuleihen, wenn ich das Gefühl habe, das würde sich auf einer Oboe gut machen.

Ihr Album "New Seasons" mit Händel-Transkriptionen hat sogar die deutschen Pop-Charts gestürmt. Damit Sie sind der erste Oboist, der es in die Charts geschafft hat. Was haben Sie damals gedacht und was haben die Kollegen dazu gesagt?

Als ich gehört habe, dass wir in den Popcharts sind, hat mich das natürlich sehr gefreut und ich dachte spontan an die "Vier Jahreszeiten" von Vivaldi, die Nigel Kennedy an die Spitze seines Bekanntheitsgrades gebracht haben und auch lange in den Charts waren. Die meisten meiner Musikerkollegen wären dankbar und glücklich, auf diese Weise viele Leute zu erreichen. Daher sagen die Kollegen auch nichts dazu; zumindest nicht, wenn ich dabei bin. Alle sind selbst gut beschäftigt und haben genug um die Ohren. Im Orchester gibt es ja nur wenige, die einen Doppelberuf wie ich machen, da viele durch Familie gebunden sind.

Sie scheinen keine Berührungsängste mit anderen Musikrichtungen zu kennen. Sie hören privat Rap und Hiphop und konzertieren regelmäßig mit Nigel Kennedy und dem Jazz-Liebhaber Thomas Quasthoff. Wie wichtig ist dieser Blick über den Tellerrand?

Dieser Blick ist für uns mittlerweile normal. Sehr viele Künstler wie Chick Corea, Keith Jarrett oder Winston Marsalis haben schon immer den Blick über den Tellerrand gewagt und sind in anderen Genres genauso groß geworden. Ich selber halte mich überwiegend in der Klassik auf, aber mir hat es immer wieder Spaß gemacht, mal so kleine Ausflüge zu machen in den gemäßigten Jazz oder Popbereich. In der Klassik ist die Oboe jedoch am besten aufgehoben.

Wenn Sie nicht als Solist unterwegs sind, musizieren Sie bei den Berliner Philharmonikern. Dort sind Sie 'nur' eines von derzeit 118 Mitgliedern. Wie viel Individualität kann sich ein Musiker im Orchester erlauben?

So wie es im Alltag sein sollte reicht meine Individualität nur bis zu der Individualität meiner Kollegen. Ich kann natürlich nicht einfach vor mich hinspielen, ohne darauf zu achten, was der Dirigent von mir will oder wie die Kollegen die Stelle spielen. Insofern ist es ein Geben und Nehmen und wir achten darauf, dass wir ein homogenes Bild nach außen abgeben.

Sind Ihre kammermusikalischen Auftritte kleine Fluchten?

Nein. Absolut nicht. Wenn man beispielsweise ein Bläseroktett nimmt mit acht verschiedenen Meinungen, dann erinnert das sehr ans Orchester. Aber wenn ich als Solist spiele, habe ich die größtmögliche Freiheit.

Bei den vielen Verpflichtungen scheint es fast ausgeschlossen, dass Zeit für Muße übrig bleibt. Wie entspannen Sie?

Dazu muss ich als erstes sagen, dass ich meinen Beruf über alles liebe. Das heisst, ich fühle mich sehr wohl mit anderen Orchestern zusammen zu kommen, zu reisen, neue Orte und Menschen kennenzulernen. Daher empfinde ich Stress meistens gar nicht so stark. Muße habe ich dann, wenn ich mit meiner Verlobten irgendwo in der Sonne sitzen kann und schöne Bücher lese oder zuhause koche.

Viele Sinfonieorchester haben Angst, dass ihr Publikum ausstirbt.
Sie engagieren sich in der Reihe "Yellow Lounge", die klassische Musik in die Clubs der Großstädte bringt und haben in der Reihe „Der kleine Hörsaal“ eine CD für Kinder aufgenommen.
Wie kann man wieder mehr (junge) Menschen für klassische Musik begeistern?

Wir haben momentan eine Art Sisyphusarbeit vor uns, weil die Generation vor uns leider versäumt hat, den Nachwuchs heranzuziehen. Das Gros der Eltern von kleinen Kindern heutzutage ist schon gar nicht mehr gewohnt ins Konzert, Theater oder eine Ausstellung zu gehen. Unsere Aufgabe ist es jetzt, nicht nur die Kinder, sondern auch deren Eltern an die Kultur heranzuführen. Wenn man sie erstmal im Konzert hat, ist es nur noch ein kleiner Schritt; dann fällt es vielen sehr leicht, die Musik zu genießen. Daher müssen wir dorthin gehen, wo sich die Jugend und die Eltern aufhalten. Nur so funktioniert es.

Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Meistens kommen die Leute hinterher auf einen zu und sind selbst erstaunt, wie sehr es ihnen gefallen hat und dass sie bei dieser Musik sehr gut entspannen können. Das sind Momente, wo man einen kleinen Erfolg verbuchen kann und zufrieden nach Hause geht.

Die Oboe stand lange im Ruf, allzu schwierig und ungesund für den Ausübenden zu sein wegen der hohen Druckverhältnisse, die beim Spielen im Kopf entstehen. Können Sie Entwarnung geben, dass die Oboe gesundheitsgewährdend ist und haben Sie dem Instrument zu einer Renaissance auch in den Musikschulen verholfen?

Natürlich ist es Unsinn, dass das Instrument der Gesundheit schadet. Zwar gilt immer noch: Pressen bis der Ton kommt. Doch die Druckluft, die pro Sekunde einen Ton erzeugen, sind ein Klacks im Vergleich zur Trompete. Die Oboe schadet niemandem. Positive Rückmeldungen bekomme nach jedem Konzert beim Signieren der CDs. Meistens sind es Mädchen ab sieben Jahren, die beginnen Oboe zu spielen. Diese Kommentare kommen immer unmittelbar und es macht mich sehr glücklich, dass das ein kleiner Schritt nach vorne ist und das Instrument sicherlich an Popularität gewinnt.

In Kiel und Elmshorn musizieren Sie mit dem Münchner Kammerorchester. Dessen Leiter Alexander Liebreich hat mit dem "concert sauvage", dem "wilden Konzert", ein Format etabliert, in dem das Ensemble mit hochkarätigen Solisten aufwartet, die vorher nicht angekündigt werden, und auch das Programm nur den beteiligten Musikern bekannt ist. Wie haben Sie diese Konzertreihe erlebt?

Ich finde das eine sehr kreative Idee. Dadurch kann man ein Werk aufs Programm setzen, was normalerweise unpopulär wäre; dadurch hört man es erst und kann dann feststellen, welch' tolle Musik es ist. Natürlich ist es etwas der Sensationslust des Publikums geschuldet; aber wenn es seinen Zweck erfüllt, finde ich es gut.
Viele Projekte, die Alexander Liebreich mit dem Orchester macht, finde ich absolut großartig und innovativ. Daher freue ich mich schon sehr auf diese beiden Konzerte.


Aus dem Hut gezaubert wird im Rahmen des SHMF freilich nichts, und so darf sich das Publikum auf Strauss’ Oboenkonzert von Ihnen freuen. Warum haben Sie sich für diese Komposition entschieden?

Alexander Liebreich hat die letzte Saison der Alpenregion gewidmet und sich daher auch mit Richard Strauss beschäftigt. Dessen Oboenkonzert ist eine Art Kulminationspunkt, weil es ein Werk ist, das Richard Strauss am Ende seines Lebens geschrieben hat und eine Altersgröße und -weisheit ausstrahlt. Das werden wir versuchen zu transportieren.

Vorher sind Sie in Plön in einem Recital zu erleben. Worauf darf sich dabei das Publikum freuen?

In Plön habe ich mit Markus Becker am Klavier eine Auswahl getroffen, die die Oboe in all ihren Schattierungen vorstellt von sehr lyrisch bis sehr virtuos. Das Englischhorn bringen wir auch mit, um ein sehr interessantes Stück von dem Italiener und Beethoven-Zeitgenossen Carlo Yvon aus Mailand vorzustellen. Daher wird es ein buntes Programm, bei dem für jeden etwas dabei ist.

Wenn man den Rhythmus Ihrer CD Veröffentlichungen betrachtet, müsste bald das nächste Album erscheinen. Woran arbeiten Sie gerade?

Das nächste Album wird im September herauskommen und ein weiteres Bach-Album sein. Diesmal mit einem englischen Barockchor und dem Orchester "The English Concert". Im weitesten Sinne ist es ein Nachfolger meiner Bachtranskriptionen "Lieder ohne Worte", aber zwei Schritte weitergegangen.
Belcanto instrumentale
Location:
Nikolaikirche
Plön

Telefon: 0431-570 470

Termin: Mittwoch, 05.08.2009

http://www.shmf.de
diesen Beitrag downloaden
Museum
Der Mann, der die Welt erleuchtete
Emil Noldes "Land am Meer"
Die SS Cimbria - eine deutsche Titantic
Gegen Diktatur
"Karl Valentin. Filmpionier und Medienhandwerker"
Geschichtenbilder
Neues Flaggschiff für die Westküste
Bühne
Die Oper zum Klimawandel
"Der fliegende Holsteiner"
„Ich bin der willenlose Sklave meiner eigenen Neugier“
Ausgelassenes Treiben bei den Schlossfestspielen Schleswig
Zerrissen zwischen zwei Welten
Macht und Moral
Wiederentdeckung eines Stiefkindes der Opernliteratur
Neue Spielzeit am Schleswig-Holsteinischen Landestheater
Neue Konzertsaison am Schleswig-Holsteinischen Landestheater
Fliege deinen Traum
Eine Odyssee
UTE LEMPER MIT NEUEM ALBUM AUF TOURNEE
Hauke Haien reitet wieder
Kultfilm als Bühnenversion
Keine verrostetet alte Dame
Im Hamsterrad der Bürgerlichkeit
Les Misérables am Theater Lübeck
„Die norddeutsche Fassung des 'Paten'“
„Ninotschka“lässt es an der Förde swingen
Public Viewing mit Bio
Literatur
Starke Frauen in scheinbar ausweglosen Situationen
Hellmuth Karasek liest Wilhelm Busch
„Wo kann ich am besten eine Leiche verschwinden lassen“
Ein Schuss, ein Schrei - das Meiste von Karl May
Träume vom verlorenen Paradies
 
   
  ImpressumKontakt