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„Kreuzung zwischen Horn und Trompete“



Auf der Trompete zählt er zu den erfolgreichsten Virtuosen der Gegenwart. Längst kennt die Welt Ludwig Güttler aber auch als Dirigenten, Musikforscher, Festivalgründer, Fürsprecher und Unterstützer des Wiederaufbaus der Dresdner Frauenkirche. Ausgebildet in Leipzig, dann zunächst als Orchestermusiker tätig, beginnt Güttler schon während dieser Zeit seine internationale Solistenkarriere. Ein begeistertes Publikum und euphorische Rezensenten begleiten seinen Weg. Seit knapp drei Jahrzehnten gilt der Forschergeist und das musikalische Tun Ludwig Güttlers besonders der Wiederbelebung der sächsischen Hofmusik des 18. Jahrhunderts. Der Gründer mehrerer erfolgreicher Ensembles kann mittlerweile auf verschiedene namhafte Auszeichnungen und Preise, darunter das Bundesverdienstkreuz, verweisen. 2007 wurde er Sachse zum Officer of the Order of the British Empire ehrenhalber ernannt.
Lucia Blanck und Andreas Guballa sprachen mit Ludwig Güttler

Das Corno da caccia hatte seine Blütezeit zu Beginn des 18. Jahrhunderts und wurde dann durch das Waldhorn verdrängt. Durch Sie ist es zu neuen Ehren gelangt. Was für ein Instrument ist das denn genau?

Das Corno da Caccia ist quasi das Kind von Horn und Trompete. Seine Aufführungsgeschichte beginnt etwa um 1700. Im Unterschied zum heutigen Waldhorn, das eher ein Alt- und Tenorinstrument ist, wird das Corno da Caccia sehr hoch gespielt. Es ist ein Sopraninstrument und wurde beispielsweise bei der Chorverstärkung immer dem Diskant zugeordnet. Vom Timbre und Klang ist es also eher schlanker und heller als man es von einem Horn gewohnt ist. Die heutigen Hornisten sind aufgrund ihrer Klangvorstellung und Ausbildung nur bedingt in der Lage, das Instrument zu spielen. Da ich mich seit Studienzeiten mit den Bach-Kantaten befasse, habe ich angefangen in Archiven und Museen nach Instrumenten zu suchen, die der Klangcharakteristik nahekommen. Anfang der 80er Jahre habe ich dann mit einem Leipziger Instrumentenbauer eine mit Ventilen ausgestattete Corni da caccia entwickelt.

Mit dem Leipziger Bach-Collegium vermitteln Sie beim SHMF einen Eindruck der für Corno da caccia geschriebenen Literatur. Wie sieht das Repertoire für das Instrument aus?

Es gibt sehr virtuose Partien und Solokonzerte wie beispielsweise die ersten „Brandenburger Konzerte“ von Bach. Darin kommen zwei Corni da Caccia vor, die dem heutigen Zuhörer bereits sehr hoch vorkommen. Die entscheidenden Partien liegen aber teilweise bis zu einer Quinte höher. Beim SHMF spielen wir u.a. Werke von Telemann, Johann Christian Bach und eine Kammermusikkomposition, von der wir nicht genau wissen, von wem es stammt. Aufgrund der vergleichenden Analyse wird es aber Johann Joachim Quantz zugeordnet, der in Dresden war, bevor er nach Berlin ging. Dieses Konzert wurde als Abschrift im schwedischen Lund gefunden, da das Original in Dresden verbrannt ist.

Die Musikwelt kennt Sie natürlich als Trompeter. Aber Sie sind auch Dirigent, Musikforscher, Festivalgründer und Tutor des musikalischen Nachwuchses. Was sind Sie am liebsten?

Ich bin das am liebsten, was ich gerade mache. Es ist notwendig, sich auf die Aufgabe, die einen gerade beschäftigt, ganz einzulassen und zu konzentrieren. Aber je intensiver ich diese Dinge betreibe desto weniger Zeit steht dafür zur Verfügung. Daher habe ich meine Hochschultätigkeit aufgegeben, als ich mich dem Wiederaufbau der Frauenkirche so stark zugewendet habe. Ich hatte damals nicht damit gerechnet, dass es soviel Zeit in Anspruch nehmen würde. Von Ausnahmen abgesehen bin ich nicht mehr zum Unterrichten zurückgekehrt.

Wie und wo entspannen Sie bei sovielen Aufgaben?

Man muss das Ausruhen fest in seinen Jahresplan einbauen und nicht erst daran denken, wenn man schon kaputt ist. Ich mache seit langer Zeit regelmäßig auf dem Darß Urlaub und fahre mehrmals im Jahr immer wieder in den gleichen Ort. Meine Ferien sind mir heilig, weil es wichtig ist, immer wieder Abstand zum eigenen Tun zu bekommen.

Anlass das Länderschwerpunktes Deutschland ist der Mauerfall vor 20 Jahren. Wie haben Sie den 9. November 1989 erlebt?

Ich hatte ein Konzert in Essen. Beim Abendessen nach dem Auftritt kam jemand ganz aufgeregt in das Restaurant und sagte, die Mauer sei gefallen. Wir haben zunächst an einen Scherz gedacht. Irgendjemand hat dann einen Fernseher organisiert, in dem wir dann Herr Schabowski sahen, wie er verkündete, dass die Volkspolizei angewiesen sei, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen. Auch das wirkte auf uns wie ein Gag, wie er so einen Zettel aus der Tasche zog und das vorlas. Erst als wir die Bilder von der Grenze sahen, war klar, es ist Realität.

Das nächstwichtige Ereignis nach dem Mauerfall war für Sie sicherlich der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche. Erinnern Sie sich an das Gefühl, als Sie nach der vollständigen Restaurierung wieder in der Kirche spielen konnten?

Ich bin seit damals Sprecher und Mitglied des Stiftungsrates der Frauenkirche und habe weit über 1000 Konzerte gespielt, in denen ich um Spenden für den Wiederaufbau gebettelt habe. Das Gefühl, als es endlich gelungen war, war große Dankbarkeit und Zufriedenheit. Ich werde oft danach gefragt, ob ich stolz darauf bin. Das bin ich überhaupt nicht.

Ein eher unrühmliches Kapitel in der aktuellen Dresdner Kulturgeschichte ist der Verlust des Weltkulturerbe-Titels. Wie stehen Sie dazu?

Alle Verantwortlichen sind aufgefordert, nach Mitteln und Wegen zu suchen, diesen Titel wieder zu erhalten.

Leipziger Spieltradition
Location:
Klosterkirche Bordesholm
Bordesholm

Telefon: 0431-570 770

Termin: Montag, 24.08.2009

http://www.shmf.de
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