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"Die Musik ist meine Berufung"



Als erster Deutscher gewann Gerhard Oppitz mit damals 24 Jahren 1977 den renommierten Arthur-Rubinstein-Wettbewerb in Tel Aviv. Seither konzertiert der Pianist auf der ganzen Welt. Am 13. September 2009 wird dem im bayrischen Dorf Frauenau geborene Künstler der diesjährige Brahmspreis in Heide verliehen. Andreas Guballa sprach mit dem 56-Jährigen.

Mit fünf Jahren haben Sie das Klavier kennengelernt und es ist bis heute Ihr Begleiter. Haben Sie je daran gedacht, einen anderen Beruf ausüben zu wollen?

In meiner Kindheit und Jugend gab es schon Ideen, die in eine andere Richtung gingen. Ich war während meiner Schulzeit auch sehr interessiert an Naturwissenschaften und Technik. Auch Pilot oder Flugzeugkonstrukteur wollte ich immer mal werden. Aber das hat sich alles mit 14, 15 Jahren verflüchtigt, als ich die ersten Konzerte spielte. Damals wurde schnell klar, die Musik ist meine Berufung. Seither hat es keine Irritationen mehr auf diesem Gebiet gegeben.

Mit 20 Jahren machten Sie die Bekanntschaft von Wilhelm Kempff – wahrscheinlich die entscheidende Begegnung Ihrer Musikerlaufbahn. Wie wichtig war er für Ihre Karriere?

Kempff war so etwas wie ein geistiger Vater für mich. Er hat genau zur richtigen Zeit einen wohltuenden Einfluss auf mich ausgeübt und mir geholfen, einen eigenen Weg für meine künstlerische Ausdruckskraft zu finden. Er hat mir gezeigt, die Poesie in der Musik zu entdecken und nicht nur an der Materie zu arbeiten, also nicht nur die Partitur genau zu lesen und umzusetzen, sondern den Geist der Musik zu erfassen. Aus seinem jahrzehntelangen Erfahrungsschatz konnte er mir viele wichtige und anregende Ideen auf den Weg geben. Dafür bin ich nach wie vor dankbar.

Es gibt Menschen, die vertreten die Meinung, jeder Musiker hat einen eigenen, unverwechselbaren Klang wie eine DNA. Wie würden Sie Ihren Klang beschreiben?

Als unmittelbar Beteiligter ist es natürlich schwierig, dass objektiv zu beurteilen. Aber wenn ich Aufnahmen und Konzertmitschnitte von mir höre, glaube ich, dass doch ganz gut herauszuhören ist, dass ich orchestral denke, wenn ich Klavier spiele. Ich versuche, nicht nur den Klavierklang als solchen zu kultivieren, sondern ich habe immer im Hinterkopf und in meiner Imagination ein orchestrales Klangbild, das in mehreren Ebenen abläuft. Ich versuche, dem Ganzen dann eine Farbigkeit und Vielschichtigkeit zu verleihen.

Gehen wir noch einmal gut 30 Jahre zurück in den Sommer 1977. Damals haben Sie mit 24 Jahren als erster Deutscher den Arthur-Rubinstein-Klavierwettbewerb in Tel Aviv gewonnen. Erinnern Sie sich noch an den Moment?

Ich war mit nicht allzu hohen Erwartungen nach Israel gereist und war mir natürlich dessen bewusst, dass dort viele Familien von Holocaust-Opfer lebten. Umso mehr war ich überrascht und geradezu überwältigt von der Welle des Enthusiasmus, die mich dort empfangen hat, als ich bei diesem Wettbewerb spielte. Und auch bei späteren Konzerten in Israel habe ich eine ganz große Wärme und Resonanz verspürt. Auch Rubinstein selbst, der damals 90 Jahre alt war und in der Jury saß, war offenbar begeistert von dem, was ich machte. Wir haben uns lange auf deutsch unterhalten und er hat mir viel von seiner Studienzeit in Berlin noch vor dem 1. Weltkrieg erzählt. Nach 1918 hat er ja nie mehr in Deutschland gespielt. Auch im nachhinein hat er sich immer wieder für mich und meine Belange eingesetzt.

Israel ist heute fast täglich in den Nachrichten vertreten. Welches Verhältnis haben Sie zu dem Staat?

Ich sehe das Geschehen in Israel und in der ganz Region mit großen Bedenken. Das tue ich schon seit Jahrzehnten, aber in den letzten Jahren vermehrt. Ich könnte es mir natürlich leicht machen und sagen, ich werde dort nicht mehr auftreten. Aber ich denke, die Menschen, die dort leben und unter den Bedingungen zu leiden haben, brauchen die Verbindung mit der Musik und der Kunst. So werde ich im Herbst diesen Jahres wieder einige Konzerte in Israel geben.

Wie völkerverbindend kann Musik sein?

Ich sehe die Musik als eine Sprache, die über alle Grenzen hinweg ihre Wirkung entfalten kann. Was zum Beispiel Daniel Barenboim mit seinen Musikern aus den verschiedenen Nationen dieser Gegend gemacht hat, ist vorbildlich und bewundernswert. Ich kann mir vorstellen, dass die Musik auch in der Zukunft ein Schlüssel sein kann, Gräben zu überbrücken. Soweit es in meiner Kraft steht, möchte ich gern dazu meinen Beitrag leisten.

Kehren wir zurück auf die Konzertbühne. Bis heute sind Sie auf allen Podien der Welt unterwegs. Was braucht ein Pianist, um über so eine lange Zeit erfolgreich zu sein?

Einerseits braucht man die große Liebe für die Musik und das Klavierrepertoire. Das fällt nicht, da das Repertoire so riesig, unermesslich groß und tiefgründig ist, dass ein ganzes Pianistenleben nicht ausreicht, um diesen Kreis auszuschreiten. Desweiteren braucht ein Musiker eine fabelhafte physische, mentale und psychische Konstitution, um den Anforderungen auf dem Podium und ständig zu reisen, gewachsen zu sein. Ich versuche mit meiner Lebensführung die Balance zu finden zwischen Disziplin einerseits und Vergnügen andererseits. Dadurch stehen die Chancen vielleicht gut, dass mir die gesundheitlichen Konditionen noch einige Zeit erhalten bleiben. Ich denke da immer gern an den alten Rubinstein, der noch bis ins Alter von 90 Jahren Konzerte gegeben hat.

In der Presse wurden Sie einmal als „großer stiller Meister aus München“ tituliert. Ist es nicht der einsamste Job der Welt, allein auf der Bühne zu sein, obwohl man von tausend, zweitausend Paar Augen beobachtet wird?

Einerseits ist es einsam, andererseits fühlt man sich natürlich auch als Teil der Gemeinschaft, die sich in einem Konzertsaal zusammengefunden hat, um Musik zu erleben. Wenn ich auf der Bühne sitze, verspüre ich eine besondere Art der Verantwortung und versuche, ein hohes Maß an Konzentration zu finden, das sich im Normalfall auch auf die Zuhörer überträgt. Es ist das schönste Erfolgserlebnis, wenn ich spüre, dass die Zuhörer mit Aufmerksamkeit und Konzentration dabei sind. Es ist mir oft gelungen, eine Atmosphäre der sehr dichten Konzentration zu schaffen – auch bei den längsten und kompliziertesten Kompositionen.

In Ihrer Vita ist zu lesen, es war schon früh Ihr Ziel, nicht mehr als fünfzig, sechzig Abende im Jahr zu konzertieren. Warum war Ihnen das wichtig und haben Sie sich daran halten können?

Es war mir immer wichtig, in meinem Leben genügend Freiraum zu haben für Entspannung, fürs Durchatmen, für die Beschäftigung mit anderen Felder der Kunst und Kultur. Insofern war es nie mein Ziel, jeden Tag ein Konzert zu spielen. Ich glaube, dass ein Künstler immer wieder Zeit und Ruhe braucht, um neue Kraft und Energie zu schöpfen für die nächsten Aufgaben. Im Alter zwischen 20 und 30 Jahren war ich natürlich neugierig, Länder und Kontinente kennenzulernen und möglichst viele Musiker und Dirigenten zu treffen und mit verschiedenen Orchestern zu spielen. Damals habe ich noch 100 bis 120 Konzerte im Jahr gespielt. Natürlich möchte ich im nachhinein keine dieser Konzerte und Reisen missen. Aber seit 20 Jahren hat es sich auf ein schönen Maß eingependelt; ich spiele jetzt vielleicht 40 bis 50 Konzerte im Jahre und empfinde das als sehr schöne Verteilung. Zudem habe ich ja noch die Aufgabe, meine Studenten an der Münchner Musikhochschule zu betreuen.

Sie haben es gerade erwähnt: Sie haben mit den führenden Orchestern der Welt und zahlreichen Dirigenten zusammengearbeitet. Welcher Dirigent ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Unter den Dirigenten, die nicht mehr unter uns weilen, ist es auf jeden Fall Carlo Maria Giulini, der mich am meisten beeinflusst und beeindruckt hat. Ich habe mit ihm die beiden Klavierkonzerte von Brahms gespielt und war begeistert davon, wie er es verstanden hat, diese Musik zum Atmen zu bringen. Und wie er dieser Musik auch genügend Zeit und Raum gegeben hat, sich zu entfalten. Für mich war das ein ganz großer Künstler. Sehr gerne erinnere ich mich auch an das erste Zusammentreffen mit Riccardo Muti, den ich seit meiner Studienzeit verehre und bewundere. Vor vielen Jahren konnten wir dann zum ersten Mal das Klavierkonzert Nr. 1 von Brahms zusammen spielen - zudem mit meinem Lieblingsorchester, dem Sinfonieorchester des Bayrischen Rundfunks, dem ich meine schönsten Konzerterlebnisse verdanke. Riccardo Muti gehört für mich zu den bedeutendsten und ernsthaftesten Dirigenten unsere Zeit, dem es primär nicht um Öffentlichkeitswirkung und Starkult geht, sondern um eine sensible und intelligente Auseinandersetzung mit der Kunst.

Sie kommen gerade zurück aus Japan. Wer die Dokumentation TRIP TO ASIA kennt, weiss, dass dort klassische Künstler wie Popstars gefeiert werden. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?

Ich habe in Japan 13 Konzerte ausschließlich mit Musik von Beethoven gespielt und hatte immer den Eindruck, dass die Zuhörer mit einer großen Begeisterungsfähigkeit dabei waren. Besonders überrascht war ich von den Autogrammwünschen im Anschluss an die Konzerte. Da warteten teilweise 200 bis 300 Menschen geduldig in einer Schlange, um sich Programme oder Plattencover signieren zu lassen oder ein paar Worte mit mir zu wechseln. Ich fühle mich in Japan immer sehr gut aufgehoben und verstanden. Außerdem finde ich es toll, dass die Japaner, trotz eines anderen kulturellen Hintergrunds, die Botschaft der Musik eines Europäers wie Beethoven mit solch einer Begeisterung in sich aufnehmen.

Seit 1981 sind Sie Professor an der Münchner Musikhochschule, damals der jüngste Professor in der Geschichte der Hochschule. Was möchten Sie an den musikalischen Nachwuchs mit auf den Weg geben ?

Ich möchte den jungen Pianisten Mut machen zum expressiven Gestalten der Musik und möchte ihnen helfen, die Kraft der Poesie in der Musik zu entdecken. Es kommt darauf an, den Geist und die Atmosphäre der Musik zu erfassen, die sie verströmt, und nicht einfach die Noten oder den Notentext zu referieren. Dazu gehört natürlich die manuelle Souveränität; das bringen aber alle Studenten bereits mit, wenn sie zu mir kommen. Wenn ich mit ihnen arbeite, bezieht es sich eher auf Fragen der Interpretation und der Gestaltung. Da kann ich aus meinem Erfahrungsschatz der letzten Jahrzehnte viele Tipps geben, die den jungen Leuten helfen, ihren eigenen Weg zu finden. Dabei bin ich nicht dogmatisch und sage: 'So oder so muss du das machen'. Jeder muss selbst offenlegen, wenn er auf dem Podium ist, was er über die Musik denkt, die er gerade spielt, wie er sie empfindet und was ihm diese Musik bedeutet.

Am 13. September wird Ihnen in Heide der Brahmspreis verliehen. Was bedeutet Ihnen der Preis?

Über die Verleihung des Brahmspreises freue ich mich ganz besonders, da Brahms in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt hat. Ich sehe darin einerseits eine Art Anerkennung dafür, dass ich mich in letzter Zeit intensiv mit Brahms beschäftigt habe und seine Musik oft präsentiert habe. Andererseits sehe ich darin einen Ansporn und eine Ermutigung für mich, weiter zu gehen in meiner Brahms-Forschung und meine Kenntnisse zu vertiefen und nicht nachzulassen in meinem Enthusiasmus für die Werke von Brahms.
Brahmspreis-Verleihung
Location:
St. Jürgen Kirche
Heide

Termin: Sonntag, 13.09.2009

http://www.brahms-sh.de
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