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"Jazz ist das innere Feuer, das in mir brennt"



Der Tenorsaxofonist Klaus Doldinger (*1936) sorgt seit den 60er Jahren für weltweite Anerkennung des "Jazz Made in Germany". Bekannt wurde er auch als Filmkomponist, u.a. durch "Das Boot" und der "Tatort"-Titelmusik. Zunächst an Klavier, Klarinette, in Musikwissenschaft und Tontechnik ausgebildet gründet er 1962 ein eigenes Quartett, 1971 die Band, mit der er die letzten internationalen Kontrollen passiert: Passport. Zusammen mit seinen Bandkollegen, die seit 40 Jahren untrennbar mit Klaus Doldinger verbunden sind, ist der 75jährige am Sonntag zu Gast bei den Kieler Philharmonikern im ersten Extrakonzert 'Con Spirito' der neuen Spielzeit.

Untätigkeit scheint für Sie ein absolutes Fremdwort zu sein. Das beweisen Ihre mittlerweile über 2000 Werke oder Ihre rund 3000 Bühnenauftritte in über 50 verschiedenen Ländern. Hält Musik Sie dabei jung?

Unbedingt. Besonders das Spielen mit der Band. Jazz ist das Feuer, das in mir brennt. Aber auch das Komponieren, der Kontakt zu anderen Leuten. Ich kümmer mich ja seit einigen Jahren bei der GEMA um den Jazz und treffe dort auf viele Menschen. Das Einsiedlerdasein wäre nichts für mich.

Werfen wir mal einen Blick auf die Anfänge. Wann kam es zu Ihrer ersten Begegnung mit dem Genre?

Das war sehr früh. Damals nach dem Krieg war Jazz eine völlig unbekannte Musikart, mit der man keine Erfahrung hatte. Da war ich zehn Jahre alt. Mit elf wurde ich Konservatoriumsschüler und bekam so langsam einiges mit. So richtig verstärkt hat es sich dann erst mit 15/16, als ich mich mit Gleichaltrigen traf, die auch Interesse am Jazz hatten. Das war zunächst noch der traditionelle Jazz. Wir haben damals in Düsseldorf die Dixielandband „Feetwarmers“ gegründet und das war eine sehr fruchtbare Zeit.

Was waren dann Ihre prägenden Stationen und Begegnungen?

Es folgten dann die Gründung des „Oscars Trios“ und des „Klaus Doldinger Quartetts“. Ende der Fünfziger Jahre, nach dem Abitur, habe ich dann mit Bands aus Profimusikern in Nachtclubs gespielt; das war auch eine wichtige Erfahrung. Eine wichtige Begegnung war die mit dem späteren ACT-Gründer Siggi Loch, der damals bei Philipps für den Jazz verantwortlich war und später Chef von Warner Music wurde, bei denen ich noch heute unter Vertrag bin. Er war mein erster Produzent und wir sind bis heute eng befreundet. Die 60er Jahre waren eine sehr kreative Zeit. Die Arbeit mit meinem Quartett zog eine Reihe von Plattenveröffentlichungen nach sich, wir haben internationale Tourneen nach Nord- und Südamerika gemacht, Fernost und Nahost. 1971 habe ich dann Passport gegründet, die in diesem Jahr 40jähriges Bühnenjubiläum feiert.

Sie sind dann später zweigleisig gefahren, haben Karriere mit Jazz und Filmmusik gemacht. War das das richtige Erfolgsrezept, das Sie auch dem heutigen Nachwuchs empfehlen würden?

Auf jeden Fall, denn die Möglichkeiten, mit Live-Musik Geld zu verdienen und eine Familie zu unterhalten, sind doch begrenzt. Wenn man keinen weiteren Horizont hat und sich auf anderen Gebieten betätigt, wird es sehr schnell sehr eng. Daher würde ich das auch noch heute jedem raten. Zumal sich die Zeiten nicht gebessert haben, da es heute so viele junge Menschen am Start gibt, die genau diesen Weg einschlagen wollen. Wir waren damals ja noch eine Minderheit.

Wie sind Sie dann zur eher sinfonisch geprägten Filmmusik gekommen?

Ich hatte immer einen engen Kontakt zur klassischen Musik, hatte mit elf Jahren Klavierunterricht und während der Gymnasialzeit am Konservatorium studiert. Daher habe ich die Orchestermusik in Filmen immer sehr bewundert. Für mich war es eine große Erfahrung bei Filmmusikprojekten mitzuarbeiten, bei denen Orchester mitwirken konnten. „Das Boot“ und „Die unendliche Geschichte“ waren zwar die wichtigsten, aber es gab noch jede Menge anderer. Zum Beispiel das „Jazzconcertino“, das ich bereits 1967/68 geschrieben und mit der Nord-Westdeutschen Philharmonie uraufgeführt habe. Nun war es an der Zeit, diese Kompositionen im Programm „Symphonic Project“ zusammenzufassen. Und ich freue mich, dieses Repertoire auch live aufführen zu können.

In diesem Programm mischen Sie munter Jazz und Klassik als wär's ganz einfach. Alles klingt selbstverständlich, wie ursprünglich entworfen....

Es ist, ganz trivial gesprochen, natürlich auch mit viel Arbeit verbunden, denn das Zusammenführen verschiedener Elemente ist nicht ganz leicht. Aus diesem Grund haben wir das Programm mit zwei Filmmusik-Suiten ergänzt, weil das gut zusammenpasst und wir dem Publikum auch etwas Bekanntes bieten wollen. Mir ist es ein Anliegen dieses dann auch auf der Bühne zu präsentieren; und ein großes Vergnügen mit einem Orchester zu arbeiten, wenn man merkt, dass die Musiker auch Spaß daran haben, mal etwas ganz anderes zu spielen. Das ist aber auch immer eine Stunde der Wahrheit, die Stücke live und überzeugend zu interpretieren. Im Studio hat man ja doch andere Möglichkeiten, solange an einer Aufnahme zu feilen bis man zufrieden ist.

Ist denn Ihr mithin markantestes Markenzeichen, der „Tatort“-Trailer, auch dabei?

Ja natürlich, allerdings in einem neuen Arrangement. Übrigens das einzige Stück, das ich nicht selbst arrangiert und orchestriert habe.

Diese Erkennungsmelodie macht Sie wahrscheinlich zu einem der meistgehörten deutschen Komponisten. Wie ist der entstanden?

Das ist mir noch ganz präsent vor Augen und Ohren. Es war eine zehnteilige Krimiserien des WDR geplant. Im Schneideraum habe ich mir die ersten Trailer angesehen und mir mit Stoppuhr in der Hand meine Notizen gemacht. Bei der Aufnahme waren wir damals eine 30köpfige Besetzung im Studio und es gab noch einen Filmvorführer, der die einzelnen Filmschleifen in den Projektor gelegt hat, so dass wir zum Bild spielen konnten. Damals hat noch Udo Lindenberg am Schlagzeug gesessen. Bei der Neueinspielung Ende der 70er Jahre spielte dann die damalige Passport-Besetzung.

Guckt man sich heute zum Beispiel große, historische Mehrteiler an, läuft in denen fast durchgängig Musik – wie beurteilen Sie das, wie wichtig ist Stille in der Filmmusik?

Ich finde Musik, die ohne Unterlass durchläuft, entwertet sich selbst. Sie wird zu einer musikalischen Tapete, die nicht im Ohr hängen bleibt. Viele bilden sich ein, dass ein Film mit ordentlich viel Musik, besonders gut ist. Dahinter steht eine Art Quotenangst.

Erfolgreiche Jazzmusiker wie Sie werden ja oft kritisch beäugt. Sie selbst sagten einmal: "Ein Jazzmusiker, der Erfolg hat, steht immer unter Verdacht." Unter welchem?

Eigentlich ist Jazz ja immer noch etwas für Minderheiten. Und die Fans wollen das gern für sich behalten. Es ist keinesfalls so, dass sie aufjubeln, wenn möglichst viele Leute partizipieren an der Sache. Man will diese Exklusivität erhalten. Psychologisch ist das einfach erklärbar; ob es dem Musiker entgegen kommt, ist eine andere Frage. Gerade für junge Musiker ist es natürlich angenehmer, vor größerem Publikum aufzutreten.

Wie ist es denn Ihrer Meinung nach um den deutschen Jazznachwuchs bestellt?

Es gibt eine Menge sehr interessanter Nachwuchskünstler, wenn ich an Nils Wülker oder Michael Wollny denke. Ich finde, das ist eine gute Entwicklung. Wenn es jetzt noch mehr Unterstützung gäbe, würde ich das sehr begrüßen.

Wenn Sie auf Ihr erfülltes Musikleben zurückblicken: Haben Sie nie den Drang verspürt, Hans Zimmer zu folgen und nach Hollywood zu gehen?

Eigentlich schon. Aber wenn man Familie hat und Kinder, dann muss man sich entscheiden, ob man sein komplettes Privatleben nach Amerika verlagern und sich den dortigen Gegebenheiten anpassen will. Man wird dort sehr schnell festgelegt, während man in Mitteleuropa eine Vielzahl mehrschichtiger Möglichkeiten hat sich zu exponieren und zu arbeiten. Ich habe das ja kennengelernt bei meinen Auftritten und meinem Studium in den USA.Für mich war aber klar, trotz des vielen Geldes möchte ich so ein Leben lieber nicht leben.
Con Spirito
Location:
Kieler Schloss
Wall 74
24103 Kiel

Termin: Sonntag, 27.11.2011

http://www.theater-kiel.de
http://www.derkulturonkel.de/media/paper/1ab5efc063061a9989f6be9c13864bc6.pdf
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