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Von Helden, Schurken und Schönheiten der Leinwand



Dirigent Frank Strobel gehört zu den engagiertesten Förderern von Filmmusik in der deutschen Musikszene. Neben seiner Tätigkeit im klassischen Konzertbetrieb dirigiert er regelmäßig Filmmusik-Konzerte und Live-Aufführungen von Originalparituren zu Stummfilmen; außerdem ist er ein gefragter Dirigent, wenn es um die Musikaufnahmen für Film- und TV-Produktionen geht. Für das Neujahrskonzert der Kieler Philharmoniker hat er ein Programm zusammengestellt, das den Ohren des Publikums die akustisch immense Vielfalt der Traumwelt Hollywoods präsentiert. Effektgeladen und dabei trotzdem reich an emotionalen Zwischentönen erzählt dieses Konzert von Helden, Schurken und Schönheiten der Leinwand. DER KULTURONKEL hat mit dem Dirigenten gesprochen.

Wie kommt man als Dirigent dazu, sich für Filmmusik zu interessieren?

Ich bin schon früh mit dem Virus infiziert worden, denn meine Eltern hatten ein Kino und dort habe ich mir nicht nur viele Filme angesehen, sondern auch selber vorgeführt. Auf diese Weise bin ich von Kindesbeinen an mit diesem Medium in Verbindung. Als jemand, der aus der Musik kommt – ich bin auf ein musisches Gymnasium gegangen – habe ich mir natürlich früh die Frage gestellt, was macht eigentlich die Musik im Film?
Aus dieser Begegnung heraus hat es mich immer weiter beschäftigt, vor allem weil ich später dann auch auf den Stummfilm gestoßen bin. Das ist ja eine Kunstform, die es nur in den ersten 30 Jahren des Kinos gab und eine ganz spezielle Rolle spielt, weil es keine Dialoge und Geräusche gibt.


Was macht denn die Filmmusik mit dem Kinobesucher?

Ganz vordergründig schafft sie Emotionen. Außerdem lenkt sie die Besucher unterbewußt ziemlich stark, indem sie die Atmosphäre für eine Filmszene schafft und diese illustriert. Darüber hinaus deutet sie die Handlung psychologisch aus und gibt den Figuren eine bestimmte Gestalt. Schließlich greift Filmmusik auch dramaturgisch ein, indem sie spannende, gruselige oder humorvolle Szenen ankündigt.

Können Sie noch unbelastet ins Kino gehen oder achten Sie zwangsläufig dabei auf den Soundtrack des Films?

Genauso wie ich ein klassisches Konzert genießen kann, kann ich auch unvoreingenommen einen Film im Kino sehen. Es wäre furchtbar, wenn man so etwas nur noch unter professionellen Gesichtpunkten sehen könnte.

Welche Qualität muss eine Komposition haben, damit sie Sie künstlerisch reizt?

Filmmusik kann ja alles sein - von der Renaissancemusik bis Techno. Mich interessiert als Dirigent eher die sinfonische Musik, die von Anbeginn des Kinos eine Rolle gespielt hat, als noch die Orchester in den Filmpalästen Stummfilme live begleitet haben. Später haben dann vor allem emigrierte mitteleuropäische Komponisten den Hollywood-Sound mitbegründet.
Wenn ich aber wie in Kiel ein Programm entwickle, ist es wichtig, dass ich Musik auswähle, die auch für sich funktioniert.


Haben Sie Lieblingsscores, die bei jedem Programm dabei sind?

Ja sicher, das sind aber ganz unterschiedliche Richtungen. Für das Kieler Neujahrskonzert habe ich versucht, eine Kombination zusammenzustellen zwischen Film- und Filmmusikgeschichte der 30er/40er-Jahre einerseits und aktuellem Kino andererseits; beispielsweise mit John Williams, einem der großen Komponisten, die in Hollywood gewirkt haben und der auch von Musikern sehr geschätzt wird. In einem Filmmusikkonzert darf daher auch das Titelthema aus „Star Wars“ nicht fehlen. Es gibt noch einen anderen Score, der mir sehr wichtig ist, das ist die Musik aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ von Ennio Morricone, den ich sehr schätze. Bei seiner Komponisition kann man wirklich abheben und alles fängt an zu schweben. Was in dem Kieler Programm nicht so deutlich wird, ist, dass ich eine große Vorliebe für osteuropäische, insbesondere russische, Filmmusik habe, die ja eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt, weil man in Osteuropa immer ganz selbstverständlich mit dem Genre umgegangen ist. Die großen sowjetischen Komponisten des 20. Jahrhunderts haben alle Filmmusik komponiert.

Filmmusikkonzerte sind heute zwar sehr beliebt, eingefleischte Klassikfans rümpfen aber noch immer gern die Nase. Woran liegt es, dass Filmmusik als Genre einen indifferenten Ruf genießt?

Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen gilt der Film bei vielen als reines Unterhaltungsmedium und wird gern in die kommerzielle Ecke gestellt. Er wird nicht gleichwertig gesehen mit Oper, Theater oder bildender Kunst. Das ist natürlich ein großer Irrtum und wenn man sich mit dem Kino näher beschäftigt, weiß man, wie vielschichtig das Medium sein kann.
Der zweite Grund ist, dass wir durch das Dritte Reich historisch in Deutschland einen Bruch haben, der noch immer fortwirkt. In den 30er Jahren wurde die Musik im Film korrumptiert und keiner wusste die Macht der Musik besser zu missbrauchen als Goebbels. Davon hat sich die Nachkriegsgeschichte im Film nie wirklich erholt und dieses Misstrauen steckt noch immer in den Menschen. Schließlich glaube ich, dass man einfach den großen Emotionen der Filmmusik nicht traut.


Wie sieht das Programm für Kieler Neujahrskonzert aus?

Das Kieler Programm ist in drei Blöcke aufgebaut. Den ersten Teil haben wir Helden, Schurken und Schönheiten der Leinwand genannt, in dem wir ein bißchen Film- und Musikgeschichte vermitteln wollen. Das Programm nach der Pause haben wir mit Hitchcock einem großen Regisseur der Filmgeschichte und mit John Williams einem großen Komponisten gewidmet. Wichtig war mir dabei, nicht in der Beliebigkeit zu landen, sondern trotz der Kleinteiligkeit des Programms geschickt einen roten Faden zu weben.

Nun haben Sie schon verraten, was das Publikum erwartet. Wen erwarten Sie denn im Publikum? Sicher nicht den typischen Abonnenten, der auf Straußwalzer oder Beethovens Neunte konditioniert ist?

ch hoffe natürlich, dass die auch kommen. Am meisten freut mich, wenn ich ein heterogenes Publikum im Saal sitzen habe. Das klassische Abonnementpublikum ist offener als mancher ihnen zutraut; sie lassen sich durchaus mit Interesse auf solche Konzerte ein. Das mischt sich dann mit Filmliebhabern, die vielleicht zum ersten Mal in einem klassischen Konzert sitzen, und jungen Leuten, die über die Filmtitel angelockt werden.

Vorher gilt es, die Kieler Philharmoniker für das Genre zu erwärmen. Wie gelingt es Ihnen, sie für Filmmusik zu begeistern?

Als ich vor 20 Jahren angefangen habe, Filmmusik zu dirigieren, hieß es immer: 'Warum machen Sie das eigentlich?' In der Zwischenzeit hat sich das glücklicherweise deutlich geändert. Klassische Musiker gehen sehr seriös mit Filmmusik um und auch Orchester spielen ganz selbstverständlich solche Filmmusikkonzerte. In dem Moment, in dem man ein anspruchsvolles Programm zusammgestellt hat, erledigen sich mögliche Vorurteile ganz von selbst und die Musik spricht für sich selbst. Das hat aber 20 Jahre gedauert und heute spielen ja selbst Toporchester wie die Berliner Philharmoniker Filmmusik ein.

Sie sind in Ihrem Wirken breit aufgestellt: Live-Aufführungen zu Stummfilmen; Neueinspielung von Film- und TV-Musik; CD-Aufnahmen und das Dirigieren von Filmmusikkonzerten. Was ist Ihre Lieblings-Herausforderungen?

Das sind alles sehr unterschiedliche Dinge, die alle ihre ganz eigene Herausforderung haben. Aber für mich ist es nach wie vor am Spannendsten, Konzerte zu geben, da man dann den unmittelbaren Kontakt zum Publikum hat. Die Herausforderung in einem Konzert wie in Kiel ist, dass man sehr schnell zwischen den Stilen hin- und herwechseln muss. Das gilt übrigens auch für die Orchestermusiker. Wenn man innerhalb von sechs Minuten zwischen einer sinfonischen Komposition zu Ben Hur von Miklos Rosza zu einer eher jazzigen Musik wie der Suite zu Fenster zum Hof wechseln muss, erfordert das eine unglaubliche Flexibilität und Genauigkeit den Charakter des Tons zu treffen. Nur wenn uns das als Musiker gelingt, nehmen wir auch das Publikum mit.

Welche Projekte stehen 2010 noch auf Ihrer Agenda?

Ich bin in die sinfonische Restaurierung von Metropolis eingebunden. Fehlende Filmteile wurden ja vor kurzem in Argentinien gefunden und in die Filmfassung eingearbeitet. Die Wiederaufführung wird ihre große Premiere bei der Berlinale 2010 haben und auch live auf ARTE übertragen. Ein weiteres Großprojekt führt mich im Sommer wieder nach Kiel, wo ich beim Schleswig-Holstein Musikfestival Live-Musik zum Kultfilm Matrix dirigieren werde.
Neujahrskonzert der Kieler Philharmoniker
Location:
Kieler Schloss
Kiel

Telefon: 0431-901901

Termin: Freitag, 01.01.2010

http://www.theater-kiel.de
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