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Die wilden 13


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Sie sind die wohl bekannteste Cello-Formation der Welt: 1972 durch einen Zufall gegründet und quasi über Nacht zur Sensation avanciert, stehen die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker heute für eine neue Dimension des Streicherklangs und spannende Crossover-Arrangements. Ihre bisherigen Auftritte im Rahmen des SHMF gerieten zum persönlichen Konzert-Highlight nicht weniger Festival-Besucher. Mit ihrem neuen Programm kehren die „12“ nun zum Festival zurück: Im ersten Teil „Angel Dances“ widmen sie sich der faszinierenden Welt sakraler Musik und spüren mit berückendem Sound himmlischen Klangvisionen von Pärt bis Piazzolla nach. „The Dance of the World“ entführt das Publikum nach der Pause auf eine Reise durch den unerschöpflichen Reichtum weltlicher Tänze aus Frankreich, Spanien, Italien über Russland und die USA, Argentinien, Brasilien oder Peru.
DER KULTURONKEL sprach mit dem Cellisten Nikolaus Römisch, der seit 2000 Mitglied der Berliner Philharmoniker ist. Der 1972 geborene Musiker ist der einzige "waschechte" Berliner in der Cellogruppe. Mit seiner „Berliner Schnauze“ ist er inzwischen unverzichtbar als Organisator von Probenterminen, die nur dank seiner Hartnäckigkeit überhaupt zustande kommen.

Herr Römisch, wird man eigentlich automatisch Mitglied der „12 Cellisten“, wenn man bei den Berliner Philharmonikern beschäftigt ist?

Ja, das wird man ganz automatisch. Es ist so, dass es zur Zeit 13 Stellen im Orchester für Cellisten gibt, da die Stellen mittlerweile aufgestockt wurden. Aber damals bei der Gründung waren es tatsächlich nur zwölf.

Müssen Sie dann losen, wer zu Hause bleiben muss und wer mit darf?

Es ist selten so, dass wir uns streiten müssen, wer nicht mitspielt. Das ergibt sich meistens von selbst, denn viele Kollegen haben auch andere Aktivitäten. Fast ist es schwerer, von den 13 zwölf zusammen zu bekommen, die zur Verfügung stehen. In meinem Fall war es nun so, dass ich bei der Geburt meiner Tochter dabei sein wollte und daher die anderen zwölf ohne mich auf Italien Tournee gefahren sind.
Solange ich dabei bin, kann ich mich nur an ein Konzert erinnern, wo wirklich alle 13 hätten spielen können und wollen. Damals war ich allerdings noch in der Probezeit des Orchesters, daher musste ich verzichten.


Sie waren vor 35 Jahren bei der Gründung nicht dabei, kennen aber sicher die Entstehungsgeschichte der 12 Cellisten.

Damals wollte man während der Osterfestspiele in Salzburg ein Stück von Julius Klengel aufnehmen – quasi die erste Originalkomposition für 12 Celli. Diesen Hymnus hatte Klengel 1924 geschrieben zur Beerdigung von Arthur Nikesch, der lange Zeit Chefdirigent des Orchesters war. Aus diesem Zusammensein hat Rudolf Weinsheimer, der damals Mitglied der Cellisten war, die Idee gehabt, dies dauerhaft als Ensemble zu etablieren. Er war der 'Spiritus Rektor' des Ganzen und hat versucht, sowohl Komponisten anzusprechen als auch Kollegen für diese Idee zu gewinnen. Er hat das seinerzeit alles allein angestoßen. Wenn man heute betrachtet, wieviele Menschen damit beschäftigt sind, ist das gar nicht hoch genug zu würdigen.

Wie ist es weitergegangen? Als Rudolf Weinsheimer 1997 das Ensemble verließ, sah es für einen Moment so aus, als sei es nun vorbei mit den 12 Cellisten.

Mitte/Ende der 90er Jahre hat ein großer Austausch im Orchester stattgefunden durch das Erreichen der Altersgrenze vieler Kollegen. Eine ganze Zeitlang hat es dann keine spezifischen Aktivitäten gegeben, es plätscherte so vor sich hin und man spielte nur gelegentlich bei Empfängen oder Kongressen. Aber so richtig im Konzertgeschehen tauchten die „12 Cellisten“ in Deutschland und Europa nicht mehr auf.
Der Kollege Georg Faust hat dann, um den Laden zu retten, alles in Eigenregie übernommen, vom Engagieren der Busfahrer über Diskussionen mit Komponisten und Veranstaltern bis zum Einrichten des Notenmaterials. Sein Engagement und die erste CD im Jahr 2000 „South American Getaway“ kann man vielleicht als Geburtsstunde der neuen „12 Cellisten“ bezeichnen.


Wie wichtig ist denn grundsätzlich so ein Erneuerungsprozess?

Es ist immer gut, neue Leute mit frischen Ideen dazu zu bekommen. Schon aufgrund der Altersstrukur, damit es auf die Dauer nicht zu einseitig wird. Natürlich gibt es bei zwölf Personen immer 13 verschiedene Meinungen, wenn so unterschiedliche Charaktere aufeinanderprallen. Ich glaube aber, das Repertoire wird nicht durch das Alter der Mitglieder geprägt, sondern vielmehr durch die Verschiedenartigkeit der einzelnen Persönlichkeiten.

Lange Zeit waren die „12 Cellisten“ eine reine Männerdomäne. Seit kurzem spielt mit Solène Kermarrec die erste Kollegin mit. Ist das ein bewusster Bruch mit althergebrachten Traditionen oder hat sich das automatisch ergeben?

Es ist nicht so, dass die älteren Kollegen versucht hätten, das jahrelang zu blockieren. Schon als ich 2000 die Stelle bekam, war im Gespräch, sie mit einer Frau zu besetzen. Letztendlich wählt ja das Orchester als Ganzes die neuen Mitglieder aus und nicht nur die Cellogruppe. Und diesmal war wohl einerseits einfach der richtige Zeitpunkt und andererseits hat Frau Kermarrec durch ihre Leistung überzeugt.

Sie sprachen gerade schon die unterschiedlichen Charaktere an. Laut Homepage sind sie „Der Hartnäckige“ und für die Koordination der Probentermine zuständig. Wie schwierig ist es denn, alle Mann und nun auch eine Frau unter einen Hut zu bekommen?

Das ist nicht ganz einfach. Sie können sich vorstellen, allein durch die Philharmoniker ist man schon recht beschäftigt mit Proben und Auftritten. Daher erledigen sich viele Konzertanfragen ganz von allein. Wir sind aber mittlerweile so gut aufeinander eingespielt, dass normalerweise zwei Probentermine reichen vor einem Konzert der „12 Cellisten“. Aber auch hier offenbaren sich die verschiedenen Mentalitäten. Wenn ich die Kollegen zwecks Terminabsprache anmaile, bekomme ich von sechsen innerhalb von drei Stunden eine Antwort, von den nächsten vieren vielleicht innerhalb von zwei Tagen und dann gibt es zwei Leute, denen muss ich eigentlich immer hinterher telefonieren.

Mittlerweile wird gern und oft versucht, die „12 Cellisten“ zu kopieren. Worin liegt Ihrer Meinung nach das Alleinstellungsmerkmal, so dass es bisher noch niemandem gelungen ist, an Sie heran zu reichen?

Ich denke, ein ganz wesentlicher Faktor ist die gewachsene Struktur, auch eine gewisse Form des Umgangs miteinander. Es ist ja nicht immer ganz einfach. Wenn etwas bei den Proben nicht funktioniert, muss man das offen ansprechen können, um zu einem guten Ergebnis zu kommen. Dabei muss man aber berücksichtigen, dass wir alle sehr empfindlich gegenüber Kritik sind. Man muss also einen geeigneten Weg finden, um Kritik und Wünsche zu formulieren. Dass das funktioniert, ist ein großer Pluspunkt in unserer Gruppe. Außerdem garantieren natürlich die Anforderungen für die Aufnahme in die Berliner Philharmoniker bereits eine sehr hohe Qualität der einzelnen Spieler.

Ihnen wird immer wieder bescheinigt, dass es bei den „12 Cellisten“ weder geistige noch 'Material'-Ermüdung zu geben scheint. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Ich glaube, das ist eine Übertragung der Philosophie der Philharmoniker auf die Gruppe; dass man nämlich in dem Moment, in dem man für ein Konzert auf die Bühne geht, 105%ig bei der Sache ist. Und natürlich macht es uns viel Spaß, außerhalb des Orchesters mal zu zeigen, was man kann.

Mittlerweile machen Sie viele Cross Over Projekte. Wie wichtig ist es, die Klassik auch mal zu verlassen und über den Tellerrand zu gucken?

Es ist für uns vor allem ein sehr angenehmer Ausflug aus dem normalen Orchesterbetrieb, wo man ja vor allem die Werke der Klassik, der Romantik und des 20. Jahrhunderts pflegt. Mit den Crossover Projekten kann man auch mal in seichteres Gefilde vordringen, in dem man Jazz, Blues oder Tango spielt. Wir achten aber schon darauf, die Wurzeln nicht zu verleugnen. Ganz häufig findet man in unseren Konzerten daher auch zumindest klassisch angehauchte Programme.

In diesem Jahr feiern die „12 Cellisten“ 35jähriges Jubiläum. Wie feiern Sie den Geburtstag?

Am 1. Oktober gibt es ein Jubiläumskonzert in der Berliner Philharmonie. Und eigentlich wäre im nächsten Jahr wieder eine neue CD fällig, aber dafür sind die Überlegungen noch nicht abgeschlossen.
Location:
Meldorfer Dom

Termin: Freitag, 17.08.2007

http://www.shmf.de
http://die12cellisten.de
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