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"Die Geige war für mich wie ein Spielzeug"



Das Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) beginnt den Festivalsommer 2008. Den Auftakt macht das Eröffnungsvorkonzert am Samstag, 12. Juli in der Lübecker Musik- und Kongresshalle. Am Sonntag, 13. Juli folgt dann das Eröffnungskonzert. An beiden Abenden wird die Violinistin Arabella Steinbacher mit dem NDR Sinfonieorchester unter der Leitung von Christoph von Dohnányi spielen. Es werden Werke von Brahms und Strawinsky zu hören sein.

Die 26-jährige Münchnerin Arabella Steinbacher hatte einen Bilderbuchstart: nach frühem Wunderkind-Verdacht bewahrten sie kluge Lehrer vor allzu raschem Konzertverbrauch. Der internationale Durchbruch gelang Arabella Steinbacher (ihr Vater ist Deutscher, ihre Mutter Japanerin) im März 2004. Die Absage von Kyung-Wa Chung veranlasste Sir Neville Marriner, die grazile Geigerin für sein Konzert nach Paris zu holen, um mit ihr und dem Orchestre Philharmonique de Radio France Beethovens Violinkonzert zu spielen. Das Pariser Publikum feierte Arabella Steinbacher mit Ovationen und die Presse zollte höchste Anerkennung: "Eine souverän und ausgereift interpretierende Künstlerin, deren Tonschönheit überwältigend ist". Seitdem regnet es Preise und sie ist bei Dirigenten-Größen wie Valery Gergiev oder Riccardo Muti gleichermaßen gefragt.
Andreas Guballa sprach mit der sympathischen Violinistin.

Frau Steinbacher, Ihnen gelang vor vier Jahren mit Anfang 20 der internationale Durchbruch, als Sir Neville Marriner Sie für sein Konzert nach Paris holte. Was haben Sie gedacht, als das Telefon klingelte und Sir Neville am Telefon war?

Natürlich hat er nicht selbst angerufen, sondern sein Sekretariat. Aber trotzdem war das natürlich sehr aufregend für mich. Der Anruf kam drei Tage vor dem Konzert, also hatte ich nur wenig Zeit, um den Beethoven aufzufrischen. Ich war die Tage vorher so nervös, dass ich schließlich auf der Bühne gar keine Zeit mehr hatte, aufgeregt zu sein - obwohl das Konzert auch noch live übertragen wurde. Aber es war sehr entspannend mit Sir Neville zu spielen, weil ich wusste, er hält alles wunderbar zusammen.

Sie haben in einem Alter begonnen, Geige zu lernen, wo Kinder normalerweise noch mit Puppen spielen. Wann wussten Sie, dass Sie Solistin werden wollten?

Es gab eigentlich keinen bestimmten Zeitpunkt, ab dem ich wusste: jetzt werde ich Solistin. Es war eine ganz natürlich Entwicklung von klein auf. Die Geige war für mich wie ein Spielzeug – das war auch die Idee meiner Eltern, die mich nie gezwungen haben, professionelle Geigerin zu werden. Mit neun Jahren wurde ich dann als Jungstudentin an der Musikhochschule München aufgenommen und ab da wurde es natürlich ernster. Seitdem hat es sich von ganz allein in diese Richtung entwickelt.

Kam jemals ein anderen Berufswunsch für Sie infrage?

Das ist schwer zu sagen, nachdem die Geige schon solange Teil meines Leben ist. Wahrscheinlich wäre ich auf jeden Fall in der Musikszene tätig.

Es gibt bei Geigern die Guarnieri- und die Stradivari-Typen. Zu welcher Gruppe würden Sie sich selbst zählen?

Beide Instrumente sind sehr unterschiedlich. Die Stradivaris haben einen sehr leuchtenden, edlen Klang und viel Brillanz. Die Guarnieris sind die dunkleren Instrumente, die noch ein bisschen geheimnisvoller klingen, vielleicht auch mehr Charakter haben. So unterschiedlich sie aussehen, so klingen sie auch. Ich glaube, der Guarnieri-Klang liegt mir etwas besser, aber das hängt auch sehr vom Repertoire ab. In Lübeck werde ich eine Guarneri del Gesù von 1741 spielen, die mir von Jonathan Moulds zur Verfügung gestellt wird.

Ihr Vater ist Deutscher, Ihre Mutter Japanerin. Haben Sie eine typisch deutsche oder typisch japanische Erziehung genossen? Gibt es Unterschiede, die Ihnen zugute gekommen sind?

Ich bin schon ein ziemlicher Mischling, weil meine Mutter mich schon auf ihre Art japanisch erzogen hat, obwohl ich in München aufgewachsen bin. Wenn ich in Deutschland bin, bemerke ich viele japanische Seiten an mir; wenn ich in Japan bin, erkenne ich dann doch, dass ich keine Japanerin bin.

Sie haben bereits 2005 beim SHMF begeistert. Nun eröffnen Sie das Festival. Was bedeutet das für Sie und sind Sie schon nervös?

Eine Fernsehübertragung ist immer aufregend und ich freue mich natürlich sehr, zusammen mit Christoph von Dohnányi und dem NDR Sinfonieorchester das Eröffnungskonzert zu bestreiten.

Was waren die musikalischen Highlights für Sie in den zurückliegenden drei Jahren zwischen den beiden SHMF Auftritten?

Es gab viele schöne Momente in dieser Zeit. Mit Christoph von Dohnányi hatte ich im letzten November mein Debüt mit dem Chicago Symphony Orchestra. Gerade habe ich eine große Europa-Tournee mit Vladimir Ashkenazy beendet und mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks sind wunderbare Aufnahmen der beiden Violinkonzerte von Schostakowitsch entstanden.

Ihr Repertoire ist breit gefächert. Neben den Violinkonzerten der klassisch-romantischen Zeit, spielen Sie die Violinkonzerte von Barber, Berg, Glasunow, Khatschaturian, Prokofieff, Schostakowitsch und Strawinsky. Beim Eröffnungskonzert spielen Sie das Violinkonzert D-Dur op. 77 von Johannes Brahms. Was verbindet Sie mit dem Komponisten und diesem Werk?

Zu dieser Komposition habe ich eine ganz besondere Beziehung. Ich habe das Violinkonzert mit 16 Jahren einstudiert und war dann damit im Jahr 2000 auf großer Deutschland-Tournee mit dem Landesjugendorchester. Das war das erste Mal, dass ich soviele Auftritte hintereinander machen durfte und der Beginn, mehr und mehr Konzerte dieser Art zu spielen. Das Werk gehört natürlich zu den wichtigsten im Repertoire eines Geigers. Neben den spieltechnischen Schwierigkeiten kann man sich so richtig hineinlegen in das Stück – allein schon der Anfang: diese Energie, mit der es losgeht und die sich dann bis zum Hauptthema beruhigt, ist einfach ganz besonders.

Können Sie Ihren momentanen künstlerischen Standort beschreiben…

Ich bin sehr zufrieden mit meiner momentanen Situation. Glücklicherweise haben mich meine Lehrer und Eltern vor einem plötzlichen Karrierestart und dem raschen Konzertverbrauch bewahrt. Auch heute versuche ich, nicht allzu viele Konzerte zu spielen, damit genug Zeit bleibt, neues Repertoire einzustudieren und sich mit der Musik auseinander zu setzen. Außerdem möchte ich das Leben auch etwas genießen, was man dann ja wieder in der Musik ausdrückt. Das finde ich sehr wichtig.

Was erwartet Sie nach dem SHMF?

Im August geht es nach Australien, im September beginnt eine Asien-Tournee mit dem Berg Violinkonzert zusammen mit dem Tokyo Symphony Orchestra und im Oktober stehen Termine mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra auf der Agenda.

Romantik und Moderne
Arabella Steinbacher und das NDR Sinfonieorchester
12. und 13. Juli, je 20 Uhr
Musik- und Kongresshalle Lübeck
Für beide Abende sind noch Restkarten erhältlich.
Kartentelefon (0431) 57 04 70
Das SHMF Eröffnungskonzert wird am Sonntag, 13. Juli ab 20.15 Uhr live im Radio auf NDR Kultur übertragen, 3sat zeigt es live im Fernsehen.
Romantik und Moderne - SHMF Eröffnungskonzert
Location:
Musik-und Kogreßhalle
Lübeck

Termin: Samstag, 12.07.2008

http://www.shmf.de
http://www.arabella-steinbacher.de
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