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Wunderkind wider Willen



Von einer „außerordentlichen Vielfachbegabung“, von einem „richtigen Wunderkind“ schwärmte kein Geringerer als der sonst so nüchterne und kritische Alfred Brendel. Der 1992 geborene Amerikaner taiwanesischer Abstammung trägt alle Insignien eines „Genies“: Mit drei Jahren las er das „Wall Street Journal“, mit fünf Jahren begann er zu komponieren, mit sieben Jahren machte er bereits seinen High-School-Abschluss, und das als Bester der 700 Schüler, anschließend wurde er der jüngste Stipendiat in der über 140-jährigen Geschichte der Chapman University und nahm ein Studium der Fächer Musik und Naturwissenschaften auf. Neben Englisch beherrschte er als Kind bereits Chinesisch, Taiwanesisch und Russisch. Heute lebt er in London und Paris und studiert an der Royal Academy of Music sowie am Imperial College in London.
Am 21. August wird dem Pianisten der mit 10.000 Euro dotierte Leonard-Bernstein-Award der Sparkassen Finanzgruppe verliehen.DER KULTURONKEL sprach mit dem Preisträger.

Ihr Mentor Alfred Brendel hat Sie einmal als "unglaublichen Sonderfall" bezeichnet. Enthusiasten greifen zu Beschreibungen wie "größter Pianist des 21. Jahrhunderts" oder vergleichen Sie gar mit Mozart. Wie gehen Sie mit soviel Lob um?

Ich glaube, es wäre falsch, mich als besonders zu beschreiben. Zumindest sehe ich mich nicht so. Auch der Titel „Wunderkind“, den ich oft von der Presse verpasst bekommen habe, gefällt mir eigentlich nicht, auch wenn er natürlich meiner Karriere geholfen hat. Das sollte mittlerweile Vergangenheit sein, denn „Wunderkind“ ist heute nicht die richtige Bezeichnung für mich.

Wie würden Sie sich denn bezeichnen?

Ich sehe mich als einen Musiker, der die Freiheit hat, sich mit verschiedenen Dingen, die künstlerisch interessant sind, zu beschäftigen. Außerdem sehe ich mich als Teil eines Netzwerkes mit vielen Projektideen in Zusammenarbeit mit anderen Musikern. All diese musikalischen Einfälle möchte ich kommunizieren.

Eine wichtige Person in diesem Netzwerk ist sicher Alfred Brendel. Worüber sprechen Sie miteinander?

Wir diskutieren nicht nur über die Interpretation und Auslegung von Musik, sondern er ist seit vielen Jahren auch ein Ratgeber hinsichtlich meiner Musiker-Laufbahn. Und ein Mentor für Themen, die nichts mit Musik zu tun haben.

Was haben Sie von ihm gelernt oder bereits selbst erfahren, das ein Pianist zum Erfolg braucht?

Ein Musiker braucht ein Netzwerk mit anderen Künstlern. Das ist zumindest für mich sehr wichtig, um Input von außen zu bekommen. Man muss seine Augen und Ohren offen halten. Engstirnigkeit ist etwas, was ich zu vermeiden versuche.

Seit Ihrem Konzertdebüt im Alter von acht Jahren sind Sie auf der ganzen Welt unterwegs. Wie schützen Sie sich vor allzu schnellem Konzertverschleiß?

Auch hierfür ist ein Netzwerk aus Freunden und Ratgebern sehr hilfreich. Ich persönlich bin in der glücklichen Lage, bisher an Menschen geraten zu sein, die mich tun und lassen machen, wozu ich Lust habe. Daher fühle ich auch keine Überlastung.

Im August erhalten Sie den Leonard Bernstein Award. Es ist ja nicht der erste Preis, den Sie entgegen nehmen können. Was bedeuten Ihnen Preise, besonders dieser?

Ich bin natürlich sehr erfreut und geehrt, diesen Preis zu erhalten und hoffe, es wird der Beginn einer langen Zusammenarbeit mit dem SHMF. Ich freue mich außerdem sehr auf das Beethoven-Klavierkonzert Nr. 3 und die Arbeit mit dem NDR Sinfonieorchester unter der Leitung von Manfred Honeck.

Welche Beziehung haben Sie zu dem Werk?

Seit langem gehört das Konzert zu meinen Lieblingsstücken von Beethoven. Man spürt die besondere Bedeutung, die das Werk für Beethoven gehabt hat. Als Komponist kann ich das gut nachvollziehen und fühle mich in besonderer Weise damit verbunden.

Das Herzstück des SHMF sind seine pädagogischen Einrichtungen. Welchen Karrieretipp können Sie Ihren jungen Kollegen mit auf den Weg geben?

Ich bin ja nur einer von ihnen. Ich finde es aber toll, wenn ein Festival junge Künstler in ihr Programm integriert. Das ist nicht nur wichtig für die Karriere der einzelnen Musiker, sondern fördert auch den Austausch im Sinne eines Netzwerkes während der Probenphase. Ich bin froh, ein Teil davon sein zu dürfen.

Sie haben sich auch als Komponist einen Namen gemacht. Komponieren Sie gerade etwas?

Momentan arbeite ich gerade an einer Solo-Piano-Komposition für Till Fellner. Später in diesem Jahr habe ich den Auftrag ein Werk für Klarinette und Orchester für Paul Meyer zu schreiben, das inspiriert ist von Bach.

Sind Sie lieber Musiker, Komponist oder Mathematiker? Und wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Wie ich schon sagte: ich sehe mich als Musiker, der sich die Freiheit nehmen kann, interessante Projekte zu realisieren. Komposition gehört genauso dazu wie als Solist auf der Bühne zu stehen.
Dass ich Musiker geworden bin, ist allerdings nur einer Ketten von Zufällen geschuldet. Und wer sagt denn, dass dies eine endgültige Entscheidung ist?


Leonard-Bernstein-Award
Location:
Musik- und Kongreßhalle
Lübeck

Telefon: 0431-570 470

Termin: Samstag, 21.08.2010

http://www.shmf.de
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