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„Der fliegende Holsteiner“



Seit 1950 wird in Kiel alle zwei Jahre der Kunstpreis des Landes Schleswig-Holstein verliehen. Der Preis würdigt das Gesamtwerk eines Künstlers in Anerkennung hervorragender Leistungen oder fördert junger Künstler, deren Entwicklung eine besondere Unterstützung wünschenswert erscheinen lässt. In diesem Jahr geht der mit 20.000 Euro dotierte Preis an den Dithmarscher Tenor Klaus Florian Vogt. DER KULTURONKEL sprach mit dem Künstler in seinem Brunsbütteler Domizil.

Hat man Ihnen die Musik bereits in die Wiege gelegt oder haben Sie sich Ihre musikalische Sozialisation hart erarbeitet?

Ich bin in einem musikalischen Elternhaus aufgewachsen. Mein Vater hat sich sein Studium mit Tanzmusik finanziert und hat sich dann später auf Kammermusik verlegt, spielt auch zahlreiche Instrumente. Er hat mich und meine Geschwister früh an die Musik herangeführt und uns beispielsweise während eines Spanien-Urlaubs Blockflötenspielen beigebracht. So hat das eigentlich angefangen. Später habe ich dann ein Horn zu Weihnachten geschenkt bekommen und wir haben viel Hausmusik gemacht. Obwohl alle meine Geschwister ein Instrument spielen, haben es nur zwei zu ihrem Beruf gemacht.

Wann war klar, dass Sie Ihr Leben beruflich der Musik widmen wollen?

Ich habe an der Meldorfer Musikschule mit dem Hornspielen angefangen. Als mein dortiger Lehrer weg gegangen ist, habe ich nach Hamburg gewechselt und habe dort bis zum Abitur bei Musikern des NDR Sinfonieorchester Unterricht gehabt. Während meiner Bundeswehrzeit war ich beim Musikkorps und danach habe ich zunächst in Hannover ein Musikstudium angefangen. Nach drei Jahren habe ich an die Musikhochschule Hamburg gewechselt und hatte gleichzeitig eine Praktikantenstelle als Hornist in Kiel, wo ich zwei Spielzeiten als feste Aushilfe tätig war und alle Dienste mitgemacht habe. Das war eine unheimlich gute Vorbereitung auf den späteren Orchesterjob. Von dort aus habe ich Probespiele gemacht und bin anschließend beim Philharmonischen Staatsorchester Hamburg gelandet.

Wie fiel die Entscheidung aus dem Orchestergraben auf die Bühne zu wechseln?

Durch meine Ehefrau, die Gesng studiert hat, bekam ich schon während des Studiums Kontakt zur Sängerszene. Für eine Familienfeier haben wir das „Katzenduett“ von Rossini einstudiert – meine erste solistische Aufführung – und dabei hat meine Frau festgestellt, dass ich eine ganz gute Stimme habe. Auch ihr Stimmlehrer hat dann bestätigt, dass eine Gesangsausbildung nicht abwegig sei; und so kam dann eins zum anderen. Ich bin regelmäßig zum Unterricht gegangen und habe anschließend eine Aufnahmeprüfung gemacht. Neben dem Hornjob habe ich dann noch Gesang studiert.

Ihr erstes Engagement hat Sie ans Schleswig-Holsteinischen Landestheater geführt. Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit und was haben Sie dort gelernt, von dem Sie heute noch profitieren?

Durch die ZAV Künstlervermittlung bin ich an ein Vorsingen in Flensburg gekommen und bekam prompt eine Stelle angeboten. Aber ich hatte ja bereits einen festen Job als Hornist in Hamburg. Glücklicherweise konnte ich im Orchester ein Jahr unbezahlten Urlaub nehmen und musste dort nicht gleich kündigen. Daher war meine Spielzeit am Landestheater eine Art Job auf Probe, um auszuprobieren, ob meine Stimme der regelmäßigen Belastung überhaupt gewachsen ist. Daher war das Engagement in Flensburg eine schöne Zeit, weil natürlich alles neu war für mich. Außerdem hatte ich tolle Kollegen und einen Regisseur, der sehr behutsam vorgangen ist, um einem die Angst zu nehmen. Er hat es verstanden, uns individuell zu fördern und aufzubauen; davon zehre ich heute noch. Nach wie vor habe ich Kontakt zu einigen Kollegen von damals – das spricht, glaube ich, für sich.

Wie ging's dann weiter?

Der Intendant der Semperoper hat mich bei einer Vorstellung gehört und bot mir an, im Anschluss an mein Flensburger Engagement nach Dresden zu kommen und dort einen sogenannten Aufbau zu machen. Das heisst mit kleineren Partien anzufangen und dann langsam auf größere Rollen zu gehen. Es war natürlich sehr reizvoll, die Möglichkeit zu bekommen, an so einem Haus zu arbeiten. Also habe ich den Orchesterjob in Hamburg gekündigt und bin nach Dresden gegangen, habe dort erstmal ein ziemliches Hungerjahr hinter mich gebracht, weil die Partien eher klein waren. Das hat mich erstmal gefrustet, weil ich aus Flensburg ja erste Partien gewöhnt war. Jetzt musste ich plötzlich den „Dritten von links“ singen. Aber wenn man um sich herum, gute Eindrücke bekommt, dann hört man sich natürlich viel ab und wächst daran. Daher war das eine wertvolle Zeit. Nach dem ersten schwierigen Jahr ging es dann aber schnell auf größere Partien, mit denen ich meine Stimme weiterentwickeln konnte. Und so gingen fünf Jahre Festanstellung schnell vorbei. Nebenbei konnte ich bereits an anderen Häusern gastieren und so entwickelte sich nach und nach ein Markt für freie Gastspiele, so dass ich irgendwann keine Zeit mehr hatte für einen festen Job in Dresden. Seitdem arbeite ich freischaffend.

Sie haben sich seitdem vor allem mit Wagner-Partien weltweit einen Namen gemacht. Was fasziniert Sie an der Musik Wagners?

Schon als Orchestermusiker habe ich seine Musik sehr geliebt und habe immer gespürt, dass seine Musik mir viel gibt. Seine Werke sind durchkomponiert und Text und Musik sind quasi zusammen geschrieben. Daraus ergibt sich ein Gesamtwerk, das einen unglaublichen Sog ausübt. Und es macht einfach auch Spaß zu singen, vor allem weil ich großes Orchester sehr mag; in diesen Klang hineinzusingen, ist ein großartiges Erlebnis.

Welcher Wagner-Held steht Ihnen am nächsten?

Das ist im Augenblick der Lohengrin.

Wieviel Lohengrin steckt denn in Klaus Florian Vogt?

Die Figur hat viele Charaktereigenschaften, zu denen ich einen Zugang finde. Und viele seiner Handlungen in dem Stück kann ich gut verstehen. Warum das so ist, weiss ich allerdings auch nicht.

Wie schnell wird man als Wagner-Held abgestempelt? Wie wichtig ist Vielfältigkeit für Sie?

Es ist schon so, dass man schnell in eine bestimmt Schublade gesteckt wird. Sicherlich gibt es Schlimmeres als als Wagner-Sänger abgestempelt zu sein; trotzdem halte ich es für wichtig, auch andere Partien anzubieten und in der Stimme eine Flexibilität zu bewahren. Ich glaube, das gelingt mir noch sehr gut.

Gibt es eine Wunschpartie?

Die Wunschpartien mache ich ja alle. Ich gehe im Augenblick von der Schwere her bis Siegfried. Aber es gibt schon noch Rollen im Kopf, die ich machen möchte: Tristan oder auch Tannhäuser und Siegfried. Aber damit warte ich noch einige Jahre.

Sie waren in diesem Sommer hautnah dran bei der Diskussion um die Nachfolge von Wolfgang Wagner. Wie haben Sie die Situation vor Ort erlebt?

Von uns wurde das ziemlich ferngehalten und das finde ich auch gut so. Ich habe ja viel mit Katharina Wagner zu tun gehabt durch die Produktion und sie hat es verstanden, dass wir Künstler davon gar nicht berührt wurden. Denn es geht darum, dort ordentlich zu arbeiten und etwas Anständiges auf die Bühne zu stellen. Das, was dort geschrieben und kolportiert wird, stört eigentlich nur. Die Lösung, die nun gefunden wurde, finde ich gut und ich hoffe, dass das, was dort bewahrenswert ist, bewahrt wird.

Zum ersten Mal gab es in Bayreuth ein Public Viewing, das kontrovers diskutiert wurde. Was halten Sie von der Idee und wie war die Stimmung vor Ort?

Der Erfolg spricht ja für sich. Dass da 17.000 Menschen gekommen sind, ist sensationell. Wir durften uns nach der Vorstellung ja dort auch noch vor dem Publikum verbeugen und ich war fasziniert, wie professionell das aufgezogen war. Daher finde ich es eine tolle Sache, dass gerade auch die Bayreuther und die Leute aus der Umgebung die Möglichkeit haben, mal zu sehen, was dort auf der Bühne überhaupt passiert.

Sie sammeln Nominierungen und Auszeichnungen wie andere Briefmarken; im November erhalten Sie den Kunstpreis des Landes Schleswig-Holstein. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?

Ich war zunächst total überrascht und habe mich natürlich sehr gefreut. Es ist für mich etwas ganz Besonderes, einen Preis zu bekommen aus dem Land, das mir sehr am Herzen liegt und in dem ich sehr gern lebe. Aus Liebe zu Schleswig-Holstein bin ich ja aus Dresden hierher zurück gekommen.

Sie haben ein ungewöhnliches Hobby und fliegen zu Ihren zahlreichen Auftritten mit dem eigenen Flugzeug. Was sagen die Kollegen zum „Fliegenden Holsteiner“?

Die Fliegerei ist ein Kindheitstraum von mir. Ich habe eigentlich nur gewartet, bis ich das erste Geld zusammen hatte, um den Flugschein zu machen. Seitdem fliege ich und es ist tatsächlich so, dass man seine Sorgen am Boden lässt und vollkommen ausspannen kann. Die schönsten Flüge sind es, wenn man bei gutem Wetter das Flugzeug auch als Verkehrsmittel zu Auftritten nutzen kann. Von Kollegen bekomme ich dann immer interessierte Nachfragen und nehme auch mal welche mit zu Rundflügen.

Was brauchen Sie noch, um von der anstrengenden Arbeit auf der Bühne Abstand zu bekommen?

Viel gibt mir natürlich meine Familie, die ja meinen unsteten Lebenswandel mittragen muss. Und das machen die ganz toll. Das ist das Allerwichtigste. Daneben mache ich viel Sport; das hilft auch auf der Bühne, denn man braucht für manche mehrstündige Wagner-Inszenierung auch viel Kondition.

Was sind Ihre nächsten Pläne?

Mitte November gibt es eine Wiederaufnahme des „Lohengrin“ von Klaus Marie Brandauer an der Oper Köln. Im Dezember singe ich die Partie an der Semperoper in Dresden und im Januar bin ich als Erik in „Der fliegende Holländer“ in Monte Carlo besetzt. Danach gastiere ich in Wien und London, bevor es im Sommer wieder nach Bayreuth geht.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person:
Klaus Florian Vogt wurde in Heide/Holstein geboren, studierte zunächst Horn an den Musikhochschulen in Hannover und Hamburg und war nach seiner Diplomprüfung neun Jahre als Hornist im Philharmonischen Staatsorchester Hamburg engagiert. Währenddessen studierte er Gesang an der Musikhochschule in Lübeck und erhielt 1997 sein erstes Engagement in Flensburg. Von 1998 bis 2003 war er Ensemblemitglied der Dresdner Semperoper, wo er Partien wie Tamino (Die Zauberflöte) und Jeník (Die verkaufte Braut) sang. Seit 2003 ist der Dithmarscher als freischaffender Künstler tätig und gastierte seitdem in Hamburg, Dresden, Brüssel, Antwerpen, Amsterdam und Köln mit dramatischeren Partien wie Lohengrin, Parsifal, Erik (Der fliegende Holländer), Stolzing (Die Meistersinger von Nürnberg), Florestan (Fidelio), Paul (Die tote Stadt) und Hoffmann (Les Contes d’Hoffmann). Im Mai 2006 erfolgte sein Amerika-Debüt als Lohengrin an der Metropolitan Opera New York unter der Leitung von James Levine. Mit dieser Partie war er auch in einer Neuinszenierung von Nikolaus Lehnhoff in Baden-Baden unter Kent Nagano zu erleben. Klaus Maria Brandauer holte den Sänger anschließend für seine Neuinszenierung des „Lohengrin“ für die Titelpartie an die Kölner Oper.
Als Walther von Stolzing in „Die Meistersinger von Nürnberg“ wurde Vogt an der Hamburger Staatsoper, am Theater Genf und schließlich bei den Bayreuther Festspielen umjubelt, wo er die Partie auch in diesem Sommer übernahm. Am 17. November erhält der Tenor den mit 20.000 Euro dotierten Kunstpreis des Landes Schleswig-Holstein in Anerkennung hervorragender Leistungen.

Link 1: http://www.klaus-florian-vogt.de
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